Der Tempelgang Mariens
Niccolò Boldrini
Zweites Drittel 16. Jahrhundert
Der Maler und Architekt Giulio Romano (1499? – 1546) war der begabteste Schüler Raphaels, der nach dessen Ableben 1520 gemeinsam mit Giovanni Francesco Penni das Erbe des Meisters antrat und dessen Projekte zu Ende führte. Im Oktober 1524 reiste Giulio an den Hof des Markgrafen Federico II. Gonzaga in Mantua, wo er mit seiner großen Werkstatt alle architektonischen und malerischen Aufgaben verrichtete und dort das gesamte Kunstschaffen beherrschte. Wie sein Lehrer war auch Giulio an der druckgraphischen Reproduktion seiner Erfindungen interessiert. Es entstanden fünf Clair-obscur-Holzschnitte nach Zeichnungen Giulios aus der Mantuaner Zeit. Der Holzschnitt Die Ernte (siehe Albertina Inv. DG2002/335) steht in Zusammenhang mit einem der Stuckreliefs (Salvy 1994, Abb. S. 136) im Tonnengewölbe der Loggia degli Stucchi im Appartement der Giganten im Palazzo Te. [...] Im Stil und der technischen Ausführung zeigt das Blatt die Hand des gleichen Formschneiders wie zwei Clair-obscurs mit der Darstellung der Geburt Mariens (Albertina Inv. DG2002/332) und dem Tempelgang Mariens (Albertina Inv. DG2002/333). Wie W. H. Trotter erkannt hat, geben sie zwei Fresken im Chorgewölbe des Doms von Verona wieder. Wie dargelegt wurde, hatte Ludovico Canossa 1531 in seinem Testament eine Geldsumme für die Ausgestaltung einer Familienkapelle im Dom hinterlassen (vgl. K. Oberhuber in: Mantua 1989, S. 434). Gian Matteo Giberti, Bischof von Verona, war es dank einer Bulle von Papst Paul III. 1534 gelungen, diese Gelder für die Renovierung des Chores zu verwenden. Für die Ausmalung beauftragte er seinen Freund Giulio Romano, der aber nur die Kartons ausführte. Die Fresken malte Francesco Torbido, der sie 1534 vollendete. In der Apsis ist die Himmelfahrt Mariens gezeigt, im Gewölbe links davon die Geburt Mariens und rechts der Tempelgang Mariens (Hartt 1958, Bd. 2, Fig. 425–426). Die zentrale Darstellung im Gewölbe mit drei Engeln, die eine Krone halten, überliefert ein weiterer Clair-obscur (B. XII, S. 154, Nr. 25), der aber in drei Platten gedruckt ist. K. Oberhuber (Mantua 1989, S. 434) zufolge dürfte Giulio die Entwürfe für die Malereien um 1533 geschaffen haben. Eine frühe Idee für den Tempelgang Mariens (Albertina Inv. DG2002/333) gibt eine Federzeichnung Giulios wieder, von der sich die linke Hälfte im Louvre (Hartt 1958, Bd 1, S. 302, Nr. 244) und die rechte in der Gallerie dell’Accademia in Venedig (Inv. Nr. 600) befindet. Die Komposition auf dem Holzschnitt entspricht dagegen nahezu dem ausgeführten Bild mit Ausnahme des siebenarmigen Leuchters, der im Fresko ein Stück hinter der Säule hervorragt. Der nicht erhaltene Modello Giulios, der auch als Vorlage für den Holzschnitt diente, wich vermutlich in diesem Detail von dem Wandbild ab. Diesen Modello überliefert wahrscheinlich eine in Feder gezeichnete Kopie im Louvre (Inv. Nr. 3612-recto; siehe auch Wien 2013, Abb. 89), in der die verschatteten Partien wie in dem Clair-obscur mit langen Schraffuren angedeutet sind. Möglicherweise diente er auch als Vorlage für eine Radierung von Jean Mignon (Zerner 1969, J. M. 47), auf der die Szene im Gegensinn erscheint. A. Bartsch hat die Clairobscur- Holzschnitte Ugo da Carpi zugeschrieben, worin ihm unter anderen C. Le Blanc, G. K. Nagler und L. Servolini gefolgt sind. W. H. Trotter (1974) hat jedoch darauf hingewiesen, dass dies angesichts der um 1533 datierbaren Entwürfe für den Dom von Verona unmöglich ist, da Ugo bereits zwischen dem 11. Januar und 29. Oktober 1532 verstorben war. Folglich wurden diese Blätter weder von J. Johnson (1982) in das Werkverzeichnis Ugos aufgenommen noch in der Ausstellung zu Ehren des Künstlers in Carpi (2009) präsentiert. Auch in stilistischer Hinsicht bestehen Unterschiede zu den Blättern Ugos, dessen Linien feiner und subtiler gestaltet sind, sich zu komplexen Gefügen verflechten und in spannungsreichen Gegensatz zu den vom Licht bestrahlten Partien treten. Sie vermögen die Figuren von innen heraus mit Leben zu erfüllen. In diesen beiden Blättern verlaufen die Linien dagegen gleichförmiger und spannungsloser; die Abstände zwischen ihnen sind immer dieselben. Die Konturen umschließen vollkommen die Körper, die dadurch von der Umgebung abgegrenzt und in die Fläche gedrückt werden sowie nicht wirklich in die Atmosphäre des Raumes eingebunden sind. Eine ähnliche Tendenz zum Gleichförmigen und Schematischen, die den Eindruck der Wiederholung immer gleicher Strichzüge erweckt, begegnet uns in den Clair-obscurs von Niccolò Boldrini wie der Venus und Amor von 1566 (Albertina Inv. DG2002/331). In diesem finden sich die gleiche Flächenbezogenheit der Darstellung, eine fast pedantische Sorgfältigkeit der Durchführung sowie ähnliche Lichthöhungen mit feinen, wie ziselliert anmutenden, Linien und Kreuzlagen. Es bleibt dabei zu klären, ob Niccolò Boldrini noch zu Lebzeiten Giulios in Besitz der Zeichnungen kam oder erst nach dem Tod des Künstlers in Mantua im Jahre 1546.
Literatur: Nagler 1835–1852, Bd. 2, 1835, S. 376 (Ugo da Carpi); Servolini 1932, S. 51 (Ugo da Carpi); Trotter 1974, S. 27f., 144f.; Servolini 1977, Nr. 15, Tav. XXVI; Karpinski 1983, S. 62 89 Nach Giulio Roman, Der Tempelgang Mariens
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/135632/der-tempelgang-mariensImage Request