Olympos, Inv. Nr.: DG2002/541
Olympos
Olympos, Inv. Nr.: DG2002/541
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Olympos

Ugo da Carpi

um 1526/1527




Zugeschrieben an (Carpi bei Ferrara um 1480 - 1532 Rom)
Nach (Parma 1503 - 1540 Casalmaggiore)
Dateum 1526/1527
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt von drei Platten
DimensionsBlatt: 23,5 x 15,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/541
Edition2. Zustand ? (Bartsch)
Im Kontext der Sammlung
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/2/60 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/2. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 2. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Text

Bei der Weiterentwicklung von Ugo da Carpis Holzschnitttechnik kam eine  besondere Bedeutung der Zusammenarbeit mit dem Maler Parmigianino  zu, der 1524 nach Rom gekommen war und großes Interesse  an der Verbreitung seiner Erfindungen in der Druckgraphik zeigte.  Spätestens 1525 lernten sich die beiden Künstler persönlich kennen,  als Parmigianino eine Vorzeichnung für ein Ölbild Ugos lieferte, das  dieser anlässlich des Heiligen Jahres für den Altar des Volto Santo in  Alt St. Peter gemalt hatte (Carpi 2009, Kat. 30, Text v. T. Previdi). Der  unter dem Titel Die Überraschung bekannte Clair-obscur gehört zu  einem umfangreichen Zyklus, der den Mythos von Apoll und Marsyas  gemäß den Schilderungen von Ovid in den Metamorphosen (Buch  VI, 383ff.) und in den Fasti (Buch VI, 696ff.) illustriert (Wyss 1996, S.  100ff.). Parmigianino hat diesen Zyklus in Vorzeichnungen vorbereitet  (Gnann 2007, Kat. 606–615), von denen aber unter seinen Augen  nur drei in Holzschnitten und drei in Radierungen des Meisters F. P.  (B. XVI, S. 26, Nr. 24–27) gleichsinnig wiedergegeben wurden. Auf den  Entwürfen ist gezeigt, wie die Göttin Athena auf der Syrinx spielt,  dann aber das Instrument wütend wegwirft, weil das Blasen ihre  Gesichtszüge entstellt. Daraufhin holt Marsyas die Panflöte aus dem  Wasser und fordert schließlich den Lyra spielenden Apoll zu dem bekannten  musikalischen Wettstreit auf, bei dem Marsyas unterlag.  Die Figur auf dem vorliegenden Holzschnitt hat E. Wyss (1996) richtig  als Olympos identifiziert, der bei der Schindung erfolglos um Vergebung  für seinen Lehrmeister bat. Nach einer der Legenden übernahm  er die Bestattung des Marsyas, aus dessen Blut der gleichnamige  Fluss entstand, auf den Olympos fassungslos herabblickt. Für die  Konzeption der Serie könnten Parmigianino Darstellungen auf antiken  Sarkophagreliefs Anregung geboten haben, wobei die ovale Begrenzung  der Szenen an die Form antiker Karneole anknüpft, die er  bedeutend vergrößerte (vgl. Gnann 2007, Bd. 1, S. 179ff.). Der Olympos  entstand getreu nach einer lavierten Federzeichnung im Louvre (Wien 2013, Abb.  33). Ugo behandelte lediglich die Landschaft summarischer und verstärkte  die Lichtakzente am Körper, um diesen kraftvoll und plastisch  erscheinen zu lassen. Der graziöse Fluss der Linien, die breite Lavierung  und das pulsierende Helldunkel in diesem Blatt mussten Ugos  malerischem Stil besonders entgegenkommen, den er gerade in diesen  Jahren etwa beim Wunderbaren Fischzug oder der Auferstehung  Christi ausbildete (Albertina, Inv. DG2002/282 und Inv. DG2002/287). Wie bei diesen erscheint die Gestalt wie  aus Farbe und Licht modelliert. Die Farben definieren nicht mehr  die Formen, sondern halten deren optische Erscheinung fest: die erregte  Bewegung, die den Mantel hochwehen lässt, oder das Aufblitzen  des Stoffes in der Sonne. Zugleich verliert die Figur nichts von ihrer  plastischen Konsistenz. Bei Niccolò Vicentino, dem man dieses  Blatt und die beiden anderen Clair-osbcurs aus dieser Serie wiederholt  zuschrieb, haben die Farben keine entsprechend modellierende  Funktion. Sie schichten sich übereinander, wodurch die Figuren am  Grund anhaften und nie wirklich plastisch und umgreifbar anmuten.  Die Körper sind wie aus einer verformbaren Masse gestaltet und in  die Länge gezogen. Die Gestalt des Olympos ist in allen Einzelheiten  artikuliert, er reagiert spontan und ist von innen heraus belebt. Bei  Niccolò wirken die Bewegungen dagegen schnellend und nicht mit  Nachdruck und Selbstbestimmtheit hervorgebracht. Somit kann er  nicht der Schöpfer des Olympos sein. Da Parmigianinos Vorzeichnungen  zu der Apoll-und-Marsyas-Serie höchstwahrscheinlich aus der  römischen Zeit um 1526 bis 1527 stammen, könnte Ugo das Blatt  ebenfalls in diesen Jahren geschaffen haben, wenngleich Vasari angibt  (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 226f.), Parmigianino habe sich erst  in der Bologneser Periode (1527–1530) mit der Verbreitung seiner  Ideen im Farbholzschnitt befasst. In dem hier gezeigten ersten Zustand  des Olympos wird das Oval links zu zwei Dritteln durch eine farbige und eine schwarze Linie begrenzt und es zeigen sich am linken oberen Rand des Ovals Ungenauigkeiten im Ineinanderpassen der Ton- und der Farbplatte. In einem anderen Abzug des ersten Zustands (Albertina, Inv. DG940) greift ein Teil der zweiten Farbplatte noch auf den rechten Rand über (Carpi 2009, Kat. 35). Im zweiten Zustand (Albertina, Inv. DG2002/539) passte Ugo die Farbplatte dem Oval an, wodurch sie nicht mehr die weiße Begrenzungslinie überlappt. Der zweite Zustand ist zudem an der unterbrochenen Kontur des  linken Berges zu erkennen. Später erwarb Andreani die Holzstöcke, der am linken unteren Rand sein Monogramm einfügte und zwei  Fehlstellen in der oberen Begrenzungslinie ergänzte (dritter Zustand, Albertina, Inv. DG2002/540, Inv. DG941). 

Literatur: Baseggio 1844, S. 18f., Nr. 1 (Niccolò Vicentino); Kolloff 1878, S. 727, Nr. 29 I;  Wien 1963, Nr. 94; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 98–99; Trotter 1974, S. 17ff.,  232ff.; Servolini 1977, Kat. 25, Tav. XXXVI; Karpinski 1983, S. 246; Gnann 2002, S. 289;  Gnann 2003, S. 88; Matile 2003, Kat. 62 (Niccolò Vicentino?); Parma 2003, Kat. 79  (Text v. C. Farinelli); München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 53 (Text v. K. Zeitler);  Gnann 2007, Bd. 1, S. 178ff.; Carpi 2009, Kat. 35 (Text v. R. Sassi) 

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.146.10
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 132-133
  • Provenance
  • Paulus II. Praun (1548-1616)
  • dessen Nachkommen
  • verkauft über Frauenholz, Nürnberg (Kat. von 1802
  • L. Rép. 6354)
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited05.04.2017

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