Maria mit dem Jesusknaben auf Wolken thronend
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1526-1527
Das eindrucksvolle Blatt gehört zu einer Serie von nicht weniger als etwa vierzig erhaltenen Studien für das Londoner Altarbild mit der so genannten "Hieronymusvision" (London, National Gallery; Gould 1994, Abb. 49), das der Künstler im Auftrag von #Maria Bufalini für ihre Kapelle in der römischen Kirche San Salvatore in Lauro gemalt hat. Das Gemälde war laut #Vasari noch nicht fertig, als deutsche Soldaten beim Sacco di Roma 1527 in seine Werkstatt eindrangen, es muss aber vor seiner Abreise nach Bologna vollendet gewesen sein. Entgegen der Vereinbarung mit der Auftraggeberin in dem erhaltenen Vertrag vom 3. Januar 1526 (siehe Corradini 1993, S. 28), wonach eine sitzende Muttergottes mit dem Christuskind in den Armen darzustellen war, schuf der Künstler zuerst Entwürfe mit einer stehenden Madonna. Auf einer Ebene mit ihr stellte er unterhalb die beiden Heiligen Johannes und Hieronymus dar. Dieses offensichtlich von #Raphaels "Sixtinischer Madonna" inspirierte Dreiecksschema überliefern u. a. zwei Zeichnungen auf einem Blatt im British Museum, bei denen es sich um die einzigen erhalten Gesamtstudien für das Gemälde handelt (Popham 1971, Nr. 181, Taf. 95).
Der Künstler gab später die strenge bildebenenparallele Anordnung zugunsten einer wesentlich spannungsvolleren Komposition auf, in der Johannes der Täufer im Vordergrund kniet und mit einer kraftvoll raumausgreifender Armbewegung auf die oberhalb sitzende Muttergottes mit dem Christuskind und zugleich auf den schlafenden Hieronymus deutet, der rechts in den Mittelgrund zurückversetzt auf dem Rücken liegt. Die Wiener Zeichnung entstand nicht lange vor der Ausführung des Gemäldes (1526-1527), da die Pose des Kindes schon annähernd die endgültige Form angenommen hat. Allerdings ist seine Schrittstellung spiegelbildlich. Er balanciert geradezu übermütig auf einem Bein, wenngleich er hierzu noch die Stütze der Muttergottes benötigt, die ihm unter die Arme greift. Man hat auf das verwandte Motiv von #Michelangelos "Madonna in Brügge" hingewiesen, die Parmigianino von einem Entwurf her kannte, doch waren auch Raphaels Florentiner Madonnenbilder wie die so genannte "Madonna del Cardellino" in den Uffizien oder #Marcantonio Raimondis Kupferstich (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 53, Nr. 47) mit der "Sitzenden Madonna auf den Wolken" nach Raphael Vorbilder. Ganz raphaelisch ist die Fürsorge und mütterliche Wärme ausstrahlende Madonna, an deren Körper sich Christus fest anschmiegt, wohingegen er sich im Bild auch farblich stärker von ihr absetzt. Die Technik des Blattes schließt an Zeichnungen Raphaels und seiner Schule an, wobei die modelloartige Ausführung darauf hindeuten könnte, dass der Künstler an eine spätere Reproduktion in der Druckgraphik gedacht hat. Eine Kopie danach befindet sich in Folkestone (Public Library, Museum and Art Gallery, Nr. 115).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 61, S. 160.
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