Studie für das Pfingstwunder (?)
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1526
Die Figurenstudien auf beiden Seiten des Blattes (Inv. 2590r, 2590v) stehen mit einem in Frankfurt erhaltenen Entwurf für ein hochformatiges, oben gerundetes Altarbild mit der "Aussendung des Heiligen Geistes" in Beziehung. Eine zweite Version für dieses nie ausgeführte Gemälde befindet sich in Neapel (Popham 1971, Nr. 141 und Nr. 293, Taf. 185). Parmigianino experimentierte auf dem Albertina-Blatt möglicherweise noch mit einem Querformat, vermutlich angeregt von #Gian Giacomo Caraglios Kupferstich mit dem "Pfingstfest" (Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 70, Nr. 6) nach einem Entwurf #Raphaels, in dem die im Hintergrund thronende Muttergottes ebenfalls von zwei Aposteln umgeben ist. Da die beiden Apostelgruppen im Vordergrund ohne erkennbare Verbindung zueinander stehen, entwarf der Künstler wohl zwei Varianten für ein und dieselbe Darstellung, wie bereits K. Oberhuber (AK Albertina 1963, Nr. 13) vermutet hat. In diesen beiden Figurengruppen zeigt sich Parmigianinos Auseinandersetzung mit Raphaels "Transfiguration", der "Disputà" und der "Schule von Athen", aber auch mit den Kompositionen in den Loggien (Oberhuber 1999, Abb. 85, 93, 202; Dacos 1977, Taf. XXVIIIa). Der Apostel am linken Rand ist etwa von dem so genannten Matthäus (siehe auch die Vorzeichnung in der Albertina, Inv. 237) und die Gestalt auf der Rückseite von der knienden weiblichen Rückenfigur in der "Transfiguration" inspiriert. Ähnlich wie auf Raphaels Bild werden diese beiden Figuren auf dem endgültigen Entwurf in Frankfurt im Vordergrund gegenübergestellt. Parmigianino drängt allerdings die Komposition stärker zusammen, schwächt die komplexen räumlichen Bezüge ab und sucht die Dramatik durch ekstatische, dabei kunstvolle Bewegungen zu erzeugen. A. E. Popham hat nachgewiesen (1971, unter Nr. 606), dass Parmigianino an den Entwürfen für das "Pfingstwunder" zur gleichen Zeit wie an den Studien zur "Anbetung der Hirten" gearbeitet hat, von denen eine Version 1526 von Gian Giacomo Caraglio gestochen wurde (Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 68 f., Nr. 4). Ihnen gemeinsam ist der hochbewegte Figurenauffassung, die durch ein kraftvolles Helldunkel noch gesteigert wird. Der Zeichenstil mit den spontan fließenden Federlinien und den breiten und wässrigen Lavierungen erinnert zudem an #Perino del Vaga, dem das Blatt von Schönbrunner und Meder (1902, Bd. 7, Nr. 724) auch zugeschrieben war. Während Perino jedoch die Gestalten stärker voneinander trennt und ihre raffinierten raumausgreifenden Posen eher netzartig verknüpft, hüllt sie Parmigianino in ein Helldunkel, das sich über die Figuren ergießt und ihre Bewegungen gänzlich ineinanderfließen lässt.
Eine Kopie nach der Darstellung der Vorderseite von #Biagio Pupini befindet sich in Chatsworth (Jaffé 1994, Bd. 3, S. 183, Nr. 608 Verso).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 60, S. 158.
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