Madonna mit dem Christuskind und einem Engel
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1527-1529
Das rasch ausgeführte Blatt zeigt die sitzende Muttergottes im Profil, die mit ihrer Rechten den Arm des Christuskindes ergreift, das ihr im gleichen Moment ein Engel zuführt. Der Engel sollte ursprünglich auf Christus herunterblicken, wie an zwei Pentimenti zu erkennen ist. Da er sich nun direkt der Madonna zuwendet, schließen sich die Bewegungen enger zusammen. Die intime Wirkung der Komposition wird noch durch den roten Blattgrund und den warmen Braunton der Lavierung unterstrichen.
Die Zeichnung, deren alte Zuschreibung an Parmigianino bereits G. Morelli in einer Passepartoutnotitz bekräftigt hat, ist eine Vorstudie für ein unvollendetes Ölbild im Londoner Courtauld Institute, wie A. E. Popham erkannt hat (Di Giampaolo 1991, Nr. 23). Das Gemälde könnte identisch sein mit jener von dem Künstler nicht vollendeten Madonnendarstellung, die Vasari in Bologna gekauft hat (vgl. Vasari, Bd. 5, S. 228 f.). Es wird aber in der Forschung bisweilen auch in die römische Zeit datiert (vgl. Popham 1971, Nr. 616; Béguin 1990, S. 99; AK London 1987, Nr. 2; Di Giampaolo 1991, S. 78, Nr. 23; Gould 1994, S. 96). In dem Bild ist die Madonna gegenüber der Vorzeichnung mädchenhafter, gelöster und zärtlicher, zumal Parmigianino den Engel wegließ und damit der Kontakt zum Christuskind unmittelbarer ist. In der raphaelischen, den gesamten Vordergrund ausfüllenden Pose ist sie eng verwandt mit der "Heiligen Familie mit dem Johannesknaben" in Neapel (Museo di Capodimonte). Letztere könnte aber etwas früher entstanden sein, da die Biegsamkeit und Überlängung der Gliedmaßen der Madonna noch stärker an den "Heiligen Rochus" in San Petronio (1527/28) anschließt. Das in der Datierung ebenfalls umstrittene Neapler Bild ist wahrscheinlich mit einem der beiden von Vasari (Bd. 5, S. 227) erwähnten Temperabildern identisch, die Parmigianino in Bologna für Luca dei Leuti gemalt hat. (vgl. Copertini 1932, Bd. 1, S. 105 ff.; Freedberg 1950, S. 98, S. 197 ff.; Oberhuber 1986, S. 165; Gould 1994, S. 104 f.).
Gegenüber meiner früher vertretenen Ansicht, wonach das Albertina-Blatt aus der römischen Zeit stammt (AK Mantua/Wien 1999, Nr. 245), halte ich nun eine Entstehung in Bologna für wahrscheinlich. So ist der Unterschied zu den sitzenden Sibyllen in der "Vermählung Mariens" um 1525 (Popham 1971, Nr. 692, Pl. 141), die zwar in ähnlich scharfen und knickenden Umrisslinien gezeichnet, aber blockhaft auf ihren Sitzen verankert sind. Demgegenüber breitet sich die Madonna stärker in die Bildfläche, und ein kräftiger durchgehender Schwung erfasst ihren Körper. Auch die Gliedmaßen verbiegen sich, werden in die Länge gezogen, wodurch die hohe Beweglichkeit an den Gelenkstellen verloren geht. Sie sitzt auch nicht auf dem Podest, sondern gleitet von diesem herunter. Der starke Flächenbezug und die rhythmische Dynamik der Linie bei gleichzeitiger Vernachlässigung der organischen Durchgestaltung des Körpers sind charakteristische Stilmerkmale für die Bologneser Zeit des Künstlers. So nähert sich das Blatt auffallend Parmigianinos Vorzeichnung (Popham 1971, Nr. 79, Pl. 224) in den Uffizien um 1528/29 für die so genannte "Madonna mit der heiligen Margarethe" in Bologna (Pinakothek).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 74, S. 184.
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