Der Seerosenteich
Claude Monet
um 1917 - 19
Monets Spätwerk entsteht in der Abgeschiedenheit seines Landhauses in Giverny. Es beschränkt sich auf wenige Motive: den Blumengarten und den nach japanischen Vorbildern angelegten exotischen Seerosenteich. Stehen zunächst Gesamtansichten von Teich und Brücke im Zentrum seiner Darstellungen, konzentriert er sich in den letzten Jahren auf Ausschnitte, die nur mehr die Wasseroberfläche mit ihren Spiegelungen der Landschaft zeigen. Der Seerosenteich mit seinen sich im Licht der Tages- und Jahreszeiten wandelnden Farben wird zur Obsession. Der besondere Reiz dieser Seerosenstudie liegt in der Aufhebung der Symmetrie, dem Fehlen der Horizontlinie, dem Zusammenfallen von Spiegelungs- und Realitätsebene und dem daraus resultierenden Wechselspiel von Gegenständlichkeit und Abstraktion, das weit über den Impressionismus hinausweist.
Monet’s late works were created in the seclusion of his country estate at Giverny. He limited himself to a small number of motifs: the flower garden and the exotic water lily pond, which had been modelled on Japanese examples. At first he produced scenic views, with the pond and the bridge at the centre of his compositions, whereas in his final years he chose individual aspects, concentrating on the surface of the water and how it reflected the landscape. The water lily pond, with its colours changing depending on the time of the day and year, became an obsession. The special charm of this study of water lilies lies in the abandonment of symmetry, the lack of a horizon line, the concurrence between reflection and reality, and the resulting play between objectivity and abstraction, which goes far beyond Impressionism.
Rahmenaußenmaß 106 × 206 × 6,7 cm
Monets grossartiges Spätwerk entstand in der Abgeschiedenheit seines Landhauses in Giverny, einem kleinen Ort nördlich von Paris, und es beschränkt sich auf wenige Motive. Im Mittelpunkt seines Schaffens standen bis zu seinem Tod 1926 die Teiche mit Seerosen, die er nach japanischen Vorbildern in seinem großen Garten hatte anlegen lassen. Damit vollendete Monet die Serien dekorativ wirkender Motive, wie er sie schon früher in großer Zahl gemalt hatte. 1914 hatte er damit begonnen, Seerosenteiche auf großformatigen Panneaus abzubilden, die er in einem speziellen architektonischen Rahmen zeigen wollte. Am Tag nach dem Waffenstillstand 1918 entschloss er sich dazu, diese «grandes décorations» seinem Freund Georges Clemenceau, dem französischen Ministerpräsidenten, zu widmen und sie dem Staat zu schenken. Die Bilder sollten aber in einem seinen Vorstellungen entsprechenden Raum ausgestellt werden. Sein Wunsch ging jedoch erst post mortem in Erfüllung. Die Serie der großformatigen Seerosenbilder fand 1927 Aufnahme in einen Raum mit ovalem Grundriss im Untergeschoss der Orangerie im Pariser Tuileriengarten1.
In seinem 1928 erschienenen Buch über Monet deutete Clemenceau diese Seerosenbilder so: «[...] Sie lösen Reize aus, durch die der Mensch sich immer mehr dem Ding an sich nähert. Alle Kräfte der Ausstrahlung der Erde und des Himmels werden herbeigerufen, um vor uns gleichzeitig das unsagbare Erstaunen über ein Schauspiel aufzurollen, in dem sich die Freuden des Traumes und die Frische der ursprünglichen Empfindung mischen. Ein Streben nach dem Unendlichen, das von der zartesten Empfindung der fühlbaren Wirklichkeit unterstützt wird, bis zu den letzten Schwingungen des Nicht-mehr-Wahrnehmbaren: das stellen die Panneaus dar.»2
Das vorliegende Bild gehört zu den zahlreichen Werken, mit denen Monet die grosse Dekoration in der Orangerie vorbereitete. Im April 1918 bestellte er zwanzig Leinwände im Format 100 auf 200 cm, die er im Laufe der beiden folgenden Jahre nach und nach bemalte3. Die Besonderheit des abgebildeten Gemäldes ist die Aufhebung der Symmetrie in der Verteilung der Seerosen: Die dunklen Spiegelungen nehmen fast drei Viertel der rechten Seite ein, während die Spiegelungen des Himmelslichts ganz nach links gerückt sind. Auf zwei Leinwänden, von denen eine schließlich unvollendet blieb, wiederholte Monet das vorliegende Motiv fast wörtlich4. Eine Übersetzung in ein viel größeres Format erfuhr diese Idee im rechten Teil des riesigen Triptychons Le bassin aux nymphéas, reflets de nuages, das sich heute im Museum of Modern Art in New York befindet5.
1 Zur Geschichte dieser Dekoration siehe den instruktiven Überblick bei Daniel Wildenstein, Claude Monet, biographie et catalogue raisonné, Band IV, Lausanne/Paris 1985, S. 944- 979 sowie den Sammlungs-Kat. Die Seerosen von Claude Monet,. Musée de l'Orangerie, Paris 1987.
2 Georges Clemenceau, Claude Monet: Betrachtungen und Erinnerungen eines Freundes, Frankfurt a. M, 1989, S, 94.
3 Vgl. Wildenstein (wie Anm. 1), Nrn. 1886-1901. Vier dieser Leinwände (Wildenstein Nrn. 1890,1891,1893 und 1894) wurden vom Künstler selbst ins Jahr 1919 datiert.
4 Wildenstein (wie Anm. 1), Nrn. 1900 und 1901.
5 Wildenstein (wie Anm. 1), Nr.1974 .
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 46, Nr. 145.
