Edgar Degas, Zwei Tänzerinnen, Inv. Nr.: DL300
Zwei Tänzerinnen
Edgar Degas, Zwei Tänzerinnen, Inv. Nr.: DL300
Credit: ALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner Image: ALBERTINA, Wien Copyright: Gemeinfrei

Zwei Tänzerinnen

Edgar Degas

um 1905




Degas entdeckt um 1870 die Welt des Tanzes. Das Ballett wird zu einem zentralen Thema seiner Kunst, das er jahrzehntelang in allen Medien umkreist. Das Pastell schätzt er besonders, um die anmutigen Bewegungen, die duftigen Kostüme sowie die magische Atmosphäre der Bühne einzufangen.

Degas kann dank einflussreicher Freunde jederzeit Aufführungen wie Ballettunterricht beiwohnen. Er zeichnet aber nicht nur die Stars oder das Corps de ballet, sondern vor allem die Elevinnen bei ihrem harten Training. Was Degas fasziniert, ist die Künstlichkeit der Bewegungen, die in keiner Weise der Realität entsprechen. Ihn interessieren die graziösen Posen der Tänzerinnen ebenso wie ihre täglichen Lektionen an der Stange, aber auch gewöhnliche Handgriffe wie das Binden des Ballettschuhs oder das Richten eines Trikotträgers.

 



Degas discovers the world of dance about 1870. The ballet becomes a central subject of his art, which he explores in all media throughout several decades. He is particularly fond of pastels to capture the elegant movements, airy costumes, and the magical atmosphere of the stage.

Thanks to influential friends, Degas can attend both ballet performances and classes whenever he liked. Yet he draws not only the stars and the corps de ballet, but above all the young dancers during their hard training. Degas is fascinated with the artificiality of the movements which had nothing to do with reality. He is interested in the dancers’ graceful poses as well as in their daily practice at the bar, but also in ordinary activities like tying the ribbon on a ballet shoe or adjusting the strap of a shirt.




Künstler:in (Paris 1834 - 1917 Paris)
Dateum 1905
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPastell auf Karton
DimensionsBlatt: 56 × 48 cm
Rahmenaußenmaß 83 × 74 × 4,5 cm
CreditALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner
Object numberDL300
SignedBez. r.u. "Degas"
Text

Seine künstlerische Ausbildung erhielt Degas bei Louis Lamothe, einem Schüler des berühmten französischen Klassizisten Ingres. Der Generation Manets angehörend wurde er jedoch bald zu einem der wichtigsten «peintres de la vie moderne». Wie Baudelaire gefordert hatte1,hielt er fortan nur noch zeittypische Motive wie das Leben auf den Pariser Boulevards und in den Salons fest, aber auch so Ausgefallenes wie Zirkusvorstellungen und Pferderennen. Um 1870 erweiterte er sein Repertoire um einen wichtigen Aspekt: Er entdeckte die Welt des Balletts. In einer Unmenge von Bildern, Pastellen und Zeichnungen beobachtete er Tänzerinnen während der Vorstellungen und bei den Proben, hinter den Kulissen und in der Garderobe. Um ihre Bewegungen und Posen besser erfassen zu können, fertigte er von ihnen gelegentlich sogar Kleinplastiken aus Wachs oder Gips an. Auf die Frage, warum er so oft Tänzerinnen darstelle, antwortete Degas, dass er darin etwas vom Körpergefühl der alten Griechen wiederentdeckt habe2. Womit er ohne Zweifel andeuten wollte, dass er zwar ein moderner Maler sei, seine klassische Bildung aber keineswegs verleugne.
Das vorliegende Pastell ist wohl um 1905 entstanden; es gehört jedenfalls zum Alterswerk des Künstlers3. Es wird darin ein Bewegungsmotiv aufgenommen, das Degas zum ersten Mal 1888 in einem ungewöhnlich grossen und meisterhaft gestalteten Pastell erfasst hatte, dort allerdings ergänzt durch ein weiteres Figurenpaar4.
Festgehalten sind zwei Tänzerinnen hinter den Kulissen, von denen sich die eine erschöpft Luft zufächelt, während die andere noch einmal eine bestimmte Tanzfigur zu memorieren scheint. Degas gibt diese bezaubernde Szenerie vor einem meergrünen Hintergrund wieder. Virtuos zeigt sich der Künstler in der Verwendung der Pastelltechnik, und es gelingt ihm, die weissen Tanzröcke im gleissenden Bühnenlicht aufleuchten zu lassen. Mit der Verwendung der Pastelltechnik griff Degas auf eine Tradition des französischen Rokoko zurück. Obschon sich auch andere Impressionisten wie Renoir oder Monet dieser Technik bedienten, brachte es kein anderer Künstler der Zeit darin zu grösserer Meisterschaft.

1 Das Prädikat «peintre de la vie moderne » bezieht sich auf den französischen Zeichner Constantin Guys. dem Baudelaire 1863 einen begeisterten Artikel widmete. Vgl. Charles Baudelaire, Sämtliche Werke, Bd. V, München / Wien 1989, S. 213 ff.
2 Zitiert nach: Daniel Catton Rich. Edgar Degas. Köln 1959. S. 18.
3 Diese Datierung geht zurück auf P. A. Lemoinse. Degas et son œuvre, Bd. III, Paris 1946. Nr. 1452 ter
4 Lemoinse (wie Anm. 3). Nr.  942.


zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 38., Nr. 44.

Degas entdeckte um 1870 die Welt der Bühne, vor allem die des Tanzes. Das Ballett wurde wie der Pferdesport zu einem zentralen Thema seiner Kunst, dem er sich jahrzehntelang widmete. Degas hatte als bevorzugter Abonnent der Pariser Oper freien Zutritt in das Foyer de la Danse, dem Übungsraum der Tänzerinnen. Obsessiv beobachtete und zeichnete er nicht nur die Stars oder das Corps de Ballet auf und hinter der Bühne, sondern vor allem die Elevinnen, die "petits rats", während ihres Trainings. Was Degas im Grunde faszinierte, war die stilisierte Kunstform des Tanzes, die Künstlichkeit der Bewegungen, die in keiner Weise der Realität entsprachen. Diese suchte er bei der harten Probenarbeit, wo er die Mädchen bei den Übungen an der Stange, aber auch in den Pausen und bei alltäglichen Verrichtungen wie dem Binden der Schuhe oder dem Zurechtrücken des Kostüms festhielt. Immer wieder zeichnet Degas eine bestimmte Haltung oder Geste: "Man muß das selbe Motiv zehnmal, hundertmal neu machen. Nichts in der Kunst darf wie ein Zufall aussehen, nicht einmal die Bewegung." (Brief Degas' vom 17. Januar 1886, zit. nach: Graber 1942, S. 67)
Dies trifft auch für die beiden Tänzerinnen dieses virtuos gezeichneten Pastells zu. Ihre Posen - eine lehnt erschöpft an einer Wand, die andere fächelt sich Kühlung zu - hat Degas zwischen 1897 und 1901 wiederholt festgehalten. Man findet sie als Einzelfiguren (z. B. Kendall 1996, Nr. 21, 24) oder mit zwei weiteren, sitzenden Ballettmädchen, auch als Vierpersonengruppe, die in den Kulissen auf den nächsten Auftritt warten (Kendall 1996, Nr. 23, Abb. 44, 48, 155). Dem Paar im vorliegenden Pastell geht ein Blatt mit Aktstudien (Kendall 1996, Abb. 71) voraus, das zudem einen aufschlussreichen Einblick in Degas' Arbeitsweise gewährt: Degas studiert zunächst die anatomisch richtige Körperhaltung nach nackten Modellen, bevor ihn Kostüm und Szenerie beschäftigen.
Das Pastell "Zwei Tänzerinnen" ist ein charakteristisches Beispiel für Degas' Spätwerk: Die Anzahl der Figuren ist reduziert, dafür sind diese größer und raumfüllend konzipiert. Auf eine nähere Angabe des sie umgebenden Ambientes wird zugunsten eines neutralen Bildgrundes verzichtet. Weitere Merkmale sind die radikale Formvereinfachung, die Intensivierung der Leuchtkraft der Farben und eine neue Freiheit im Auftrag: Das fulminante Wechselspiel von vielschichtigen Strichlagen mit aufgebrochenen transparenten Strukturen, sodass auch untere Pastellschichten bzw. der Papiergrund durchschimmern, erzeugt jenen funkelnden mosaikartigen Eindruck, der die glanzvolle Scheinwelt des Theaters kongenial zum Ausdruck bringt.

Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 188.

Catalogue raisonné
  • Koella/Billeter 2005, 44
  • Bibliography
  • P.A. Lemoisne, Degas et son oeuvre, Bd. 3, Paris 1946, Nr. 1452ter
  • AK Degas, Fondation Pierre Gianadda, Martigny 1993, Nr. 68
  • AK Das Auge des Sammlers - Monet bis Picasso, Bank Austria Kunstforum Wien, 1998, S. 30, Abb. S. 31, Nr. 17
  • R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 38., Nr. 44, Abb. S. 39
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, Nr. 14 (C. Ekelhart)
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina, Albertina, Wien 2008, Nr. 188 (C. Ekelhart)
  • Ausstellungen (laut Koella/Billeter): Degas, Fondation Pierre Gianadda, Martigny 1993, Nr. 68
  • Das Auge des Sammlers - Monet bis Picasso, Bank Austria Kunstforum Wien, 1998, S. 30, Abb. S. 31, Kat. 17
  • Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, Nr. 14
  • Albertina: Director's Choice, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, London: Scala Arts & Heritage Publishers Ltd 2017, S.12-13 Abb. (inkl. Text)
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    Last edited27.08.2026