Mädchen mit Blumenhut
Alexej von Jawlensky
1910
Das farbenprächtige Bild Mädchen mit Blumenhut belegt Jawlenskys Auseinandersetzung mit der Malerei von Matisse und den Fauves, deren erste aufsehenerregende Ausstellung er 1905 in Paris gesehen hat. Der asiatische Eindruck ist nicht nur dem Modell zuzuschreiben, sondern durchaus beabsichtigt, kamen doch Ende des 19. Jahrhunderts japanische Zeichnungen, Holzdrucke und Textilien in Mode. Mehr als das Motiv ist es aber die vollkommen vom Naturvorbild abweichende starke Farbigkeit, die den Künstler unter dem Einfluss der Fauves zu einem der frühen führenden Expressionisten in Deutschland – in der Gruppe „Der Blaue Reiter“ – macht.
The colourful painting Girl in a Flower Hat attests to Jawlensky’s study of Matisse’s and the Fauves’ painting, whose first sensational exhibition in Paris he had seen in 1905. The Asian impression given by this picture is not only due to the model, but must also be seen as a deliberate choice, as Japanese drawings, woodcuts, and textiles had come into fashion in Europe in the late nineteenth century. Yet it was less the motif than the strong colours completely deviating from nature that made the artist one of Germany’s leading early Expressionists in the group “Der Blaue Reiter” (The Blue Rider) under the Fauves’ influence.
Um die Jahrhundertwende hatte der ehemalige Offizier nach seinem Abschied von der russischen Armee zusammen mit #Wassily Kandinsky an der Münchner AÏbé-Malschule studiert. 1905 machte er in Paris die Bekanntschaft von #Matisse und der Malerei des Postimpressionismus. Nach einem ersten Urlaub in Murnau 1908 ließ er sich dort mit dem Malerpaar Kandinsky und Gabriele Münter und seiner damaligen Gefährtin Marianne von Werefkin nieder. Mit ihnen gründete er 1910 die "Neue Künstlervereinigung München", aus der ein Jahr später der legendäre "Blaue Reiter" hervorgehen wird. Bis 1910 basiert der gemeinsame Nenner zwischen den Künstlern auf der Verarbeitung der Kunst der Nabis und Fauves. Danach führt Jawlenskys Weg über die Abstraktion seiner landschaftlichen und figürlichen Hauptmotive zu einer ikonenhaften Abwandlung des menschlichen Gesichts, die einer religiösen Verinnerlichung der Selbstsuche gleichkommt.
Man hat in der jungen Frau mit gesenktem Blick das Modell "Schokko" gesehen (AK München/Baden-Baden 1983, S. 178). Das Mädchen verdankte seinen Spitznamen einer Vorliebe für heiße Schokolade, um die sie vor den Sitzungen in Jawlenskys kaltem Atelier zu bitten pflegte (Jawlensky 1991, S. 214, 262). Die gewichtige Kopfbedeckung erinnert dabei einerseits an den ausladenden, üppig mit Blumen besteckten Hut, den Schokko in einem Brustbild aus dieser Zeit trägt (Privatbesitz; Jawlensky 1991, Nr. 318, Abb. S. 250), andererseits aber auch an den topfartig gewickelten Turban von Jawlenskys künftiger Frau Helene, die er im gleichen Jahr porträtierte (Solomon R. Guggenheim Museum, New York; Jawlensky 1991, Nr. 310, Abb. S. 247).
Die ab 1909 entstandene Porträtreihe sehr junger Frauen mit stark farbigen Kostümierungen, die schrill mit einem farbigen Bildgrund kontrastieren, lässt die Frage nach der Identität des Modells jedoch in den Hintergrund treten. Charakteristisch für Jawlenskys Porträtauffassung ist die Schaffung von Urbildern und Archetypen, die der visuellen Vorstellungskraft zugänglich sind. Der Künstler scheint hierbei bereits mit neun Jahren von seinem ersten Bilderlebnis - einer russischen Ikone - für seine spätere Kunstauffassung entscheidend geprägt worden zu sein. Während die Modelle nur als Ausgangspunkt für die Eroberung neuartiger und autonomer Farbkombinationen dienen, bilden sie doch die Basis für seine Suche nach den überindividuellen und zeitlosen Zügen des Menschlichen schlechthin.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 232.
1909 gründete Alexej von Jawlensky mit Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin die Neue Künstlervereinigung München, aus der später die führende deutsche Avantgardegruppe Der blaue Reiter hervorgehen sollte. Dieser wichtigen Schaffenszeit entstammt auch das vorliegende Bild Mädchen mit Blumenhut, das laut Auskunft von Jawlenskys Sohn Andreas 1910 im Münchner Atelier in der Giselastrasse gemalt wurde. Als Modell diente dem Künstler eine junge Frau vom Lande, welche die Angewohnheit hatte, vor den Sitzungen im Atelier eine Tasse Schokolade zu trinken und die deshalb im Familienkreis den Spitznamen «Schokko» erhalten hatte. Wie auch andere Bildnisse der jungen Frau zeigen, müssen ihr die schlitzartigen Augen und ihre gelbliche Hautfarbe etwas fast Exotisches verliehen haben.1
Das äußerst farbenprächtige Bild belegt sehr schön Jawlenskys Auseinandersetzung mit der Malerei der französischen Fauves, deren erste Ausstellung er 1905 in Paris gesehen hatte. Da es ungewöhnlich skizzenhaft gemalt ist, kann daran noch immer der ganze Schaffensprozess abgelesen werden. Erst muss Jawlensky mit schwarzer Farbe die Figur und den Fächer gezeichnet haben, dann den großen turbanartigen Hut, und diese grobe Umrisszeichnung füllte er schließlich mit stark leuchtenden Farben aus. Diese Farben sind freilich an manchen Stellen so transparent aufgetragen, dass die nackte Pappe durchscheint. Wie im Falle des Bildes Kornfeld bei Carantec (Inv. GE51DL) befand sich auf der Rückseite dieses Werks ursprünglich ein weiteres Ölgemälde, das ebenfalls 1910 entstanden sein soll und das ein Mädchen mit Puppe darstellt (Privatbesitz, New York).2 Wann die beiden Gemälde voneinander getrennt wurden, ist nicht bekannt.
1 Zu diesem Modell vgl.: Maria Jawlensky/Lucia Pieroni-Jawlensky/ Angelica Jawlensky, Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings, Band I, London 1991, Nr. 253
2 Jawlensky, Catalogue Raisonné (wie Anm. 1), Nr, 323.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/305669/madchen-mit-blumenhutImage Request