Mit roter Schwalbentapete (Stillleben mit Flasche, Brot und roter Schwalbentapete)
Alexej von Jawlensky
1915
1905/06 lernt Jawlensky in Frankreich Matisse kennen und sieht die Werke von Cézanne, Gauguin und van Gogh. Die Auseinandersetzung mit dem Fauvismus wird in seinen farbenprächtigen Landschaften, Stillleben und Porträts, die vor dem Ersten Weltkrieg entstehen, spürbar, in denen er die reine, ungemischte Farbe in starken Kontrasten und unabhängig von der Natur einsetzt. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs markiert für Jawlensky eine Zäsur: Als Russe wird er aufgefordert, Deutschland sofort zu verlassen. Er übersiedelt an den Genfer See. Die dort entstandenen Bilder sind Zeugnisse einer intimen Zwiesprache mit seinen Sujets. Auch das Stillleben Mit roter Schwalbentapete von 1915 setzt in sehr persönlicher Weise auf die poetische Wirkung der zarten, in modulierenden Flecken aufgetragenen Farben.
Rahmenaußenmaß: 59,1 × 76,5 × 4,6 cm
Anfang 1914 hatte Jawlensky seine Mutter in Russland besucht und war dann über München an die Côte d'Azur und die ligurische Küste gereist. Nicht allein die mediterrane Atmosphäre, sondern vielleicht auch eine Wiederbegegnung mit dem Werk von #Matisse könnte hinter der Aufhellung seiner Palette und der Reduktion der Konturen stehen, die den in Bayern entstandenen Landschafts- und Figurenbildern oft eine gewisse Schwere verliehen hatten. Doch nicht erst die Reihe der 1914 in Bordighera entstandenen Gemälde feierten in der Umgebung der Küstenstadt den heiteren Aspekt der Natur. Schon eine 1913 datierte Gruppe von Stillleben vor farbigem, zum Teil gemustertem Hintergrund steht sowohl der flächenbetonenden All-over-Ästhetik von Henri Matisse als auch der pointierten Farbigkeit des vorliegenden Blattes ziemlich nahe. Die ungewisse Lage des Künstlers und seiner Familie, der wie sein Freund #Kandinsky infolge des Kriegsausbruchs 1914 zu einer überhasteten Ausreise aus Deutschland gezwungen worden war und sich im Schweizer Exil in St. Prex am Genfer See niedergelassen hatte, wird in dem Stillleben "Mit roter Schwalbentapete" aufgrund seiner hartnäckigen Affinität zur französischen Bildkultur zunächst auch kaum spürbar.
Der durch den völligen Wegfall dunkler Konturen scheinbar so licht- und lufterfüllte Charakter der Komposition wirkt jedoch völlig flächig - eben tapetenartig. Dies täuscht darüber hinweg, dass sich sämtliche erkennbaren Gebilde auch als Akteure eines Ausblicks durch ein Fenster auf eine Stadtlandschaft sehen ließen: von den "Gebäuden" links unten über ein Tintenfass, zwei Früchte und eine Flasche ganz rechts bis hin zu der bildbeherrschenden Tapete mit ihrem Muster aus Schwalben und Blütenköpfen. Auf der Fensterscheibe würden sich Vasenblumen aus dem Innenraum spiegeln, während im Freien dahinter lebende Vögel vorbeiflögen. Die genannten Gegenstände schließlich wären nicht auf einem Tisch vor einer bunt gemusterten Wandtapete, sondern auf einem Fensterbrett abgestellt.
Die Ausrichtung des Blickes sowohl nach einem außenliegenden wie nach einem innenliegenden imaginären Raum wurde zum Paradigma der ab 1916 entstandenen Variationen und, ab 1917, für Jawlenskys Kopf- und Gesichterserien, die das Werk bis zu seinem Lebensende bestimmt haben.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 233.
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