Edith Schiele
Egon Schiele
1917
1917 zeichnet Egon Schiele offensichtlich nicht nur eine Reihe von Aktdarstellungen und Porträts von seiner Frau #Edith (Inv. 31122, Inv. 25607), sondern auch von deren älterer Schwester #Adele Harms (Inv. 25659). Macht es deren physiognomische Ähnlichkeit an sich schon nicht leicht, die beiden Schwestern als Modelle voneinander zu unterscheiden, so wird die Identifikation noch durch den Umstand erschwert, dass sich Schiele bei der Kolorierung der Haare oft vom Naturvorbild löst. Dass #Adele dunkelhaarig war, #Edith hingegen blond, hilft bei der Identifikation nicht weiter. Die Kolorierung erfolgte erst nachträglich, also nachdem die vor dem Modell gefertigte Zeichnung fertig war. Schiele hielt sich auch in der Kolorierung von Krumauer Fassaden, von Pantoffeln oder Kleidern nicht an die wirklichen Ding-Farben. Darüber hinaus wird die zweifelsfreie Identifikation von #Edith und #Adele 1917 zu einem Vexierspiel, weil sich jede der beiden Schwestern aus einem schwarz-weiß gestreiften Vorhang aus Schieles Atelier ein Kleid genäht hat: jenes, das Schiele im lebensgroßen stehenden Bildnis "Edith Schiele in gestreiftem Kleid" (Gemeentemuseum Den Haag) aus künstlerischen Gründen in bunte Streifen transponiert hat. Selbst die beliebte Zuordnung von intimeren Bildnissen an #Edith und den distanzierteren an ihre Schwester #Adele ist angesichts einiger der erotischsten Frauenakte, die mit aller Wahrscheinlichkeit #Adele darstellen – wie jene in Prag – nicht vor Irrtümern gefeit.
Offenbar ist es Schiele wie bei der Interpretation der einander fremden Individuen in der Serie der Liebespaare nicht um das unverwechselbare Porträt einer einzigartigen Persönlichkeit zu tun: Schieles nächste Umgebung, #Adele so sehr wie #Edith, fungieren wie der Künstler selbst als Stellvertreter für psychisch-soziale Zustände.
Die stilistisch homogene Gruppe an drei Frauenbildnissen weist eine ebenso breitgefächerte typologische Vielfalt auf wie sie von unterschiedlichen Gefühlszuständen erzählt, von geistig-seelischen Haltungen zur Welt: offen oder verschlossen, hingebungsvoll demütig oder unsicher. Blickregie und differenzierte Gestik tun ein Übriges, um wirkungsästhetisch die emotionale Mannigfaltigkeit dieser Frauenporträts zu garantieren.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 338-340.
