Egon Schiele, Edith Schiele, Inv. Nr.: 25607
Edith Schiele
Egon Schiele, Edith Schiele, Inv. Nr.: 25607
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Edith Schiele

Egon Schiele

1917




Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1917
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide, Deckfarben
Dimensions44,1 × 28 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number25607
Signedr.u. "EGON / SCHIELE / 1917", umrahmt
Text

1917 zeichnet Egon Schiele offensichtlich nicht nur eine Reihe von Aktdarstellungen und Porträts von seiner Frau #Edith (Inv. 31122, Inv. 25607), sondern auch von deren älterer Schwester #Adele Harms (Inv. 25659). Macht es deren physiognomische Ähnlichkeit an sich schon nicht leicht, die beiden Schwestern als Modelle voneinander zu unterscheiden, so wird die Identifikation noch durch den Umstand erschwert, dass sich Schiele bei der Kolorierung der Haare oft vom Naturvorbild löst. Dass #Adele dunkelhaarig war, #Edith hingegen blond, hilft bei der Identifikation nicht weiter. Die Kolorierung erfolgte erst nachträglich, also nachdem die vor dem Modell gefertigte Zeichnung fertig war. Schiele hielt sich auch in der Kolorierung von Krumauer Fassaden, von Pantoffeln oder Kleidern nicht an die wirklichen Ding-Farben. Darüber hinaus wird die zweifelsfreie Identifikation von #Edith und #Adele 1917 zu einem Vexierspiel, weil sich jede der beiden Schwestern aus einem schwarz-weiß gestreiften Vorhang aus Schieles Atelier ein Kleid genäht hat: jenes, das Schiele im lebensgroßen stehenden Bildnis "Edith Schiele in gestreiftem Kleid" (Gemeentemuseum Den Haag) aus künstlerischen Gründen in bunte Streifen transponiert hat. Selbst die beliebte Zuordnung von intimeren Bildnissen an #Edith und den distanzierteren an ihre Schwester #Adele ist angesichts einiger der erotischsten Frauenakte, die mit aller Wahrscheinlichkeit #Adele darstellen – wie jene in Prag – nicht vor Irrtümern gefeit.

Offenbar ist es Schiele wie bei der Interpretation der einander fremden Individuen in der Serie der Liebespaare nicht um das unverwechselbare Porträt einer einzigartigen Persönlichkeit zu tun: Schieles nächste Umgebung, #Adele so sehr wie #Edith, fungieren wie der Künstler selbst als Stellvertreter für psychisch-soziale Zustände.

Die stilistisch homogene Gruppe an drei Frauenbildnissen weist eine ebenso breitgefächerte typologische Vielfalt auf wie sie von unterschiedlichen Gefühlszuständen erzählt, von geistig-seelischen Haltungen zur Welt: offen oder verschlossen, hingebungsvoll demütig oder unsicher. Blickregie und differenzierte Gestik tun ein Übriges, um wirkungsästhetisch die emotionale Mannigfaltigkeit dieser Frauenporträts zu garantieren.

Der ausgeprägte Naturalismus in der Darstellung der Gesichter geht mit einer ausgewogenen Stilisierung des Gewandes einher; ein Wechselspiel von Leere und Fülle, koloristischem Gewicht und graphischer Leichtigkeit. Darin artikuliert sich nicht zuletzt ein Wille zur Ornamentalisierung der Gestalten, der an sich bei dem Grad an Nachahmung überrascht. Schiele verschwistert symbiotisch zwei gegenläufige Gestaltungsprinzipien: das Konkrete mit der Abstraktion, die Nachahmung mit dem Ornament, das Gefühl mit der Stilisierung.

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 338-340.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1910
  • Bibliography
  • AK Albertina 1943, Nr. 43
  • AK Wien 1945, Nr. 9
  • AK Albertina 1948, Nr. 215
  • AK Wien 1948, ohne Nr.
  • AK Salzburg 1968, Nr. 42
  • Comini 1974, Tafel 172
  • AK München 1975, Nr. 244, Abb.
  • Malafarina 1982, Nr. 10
  • AK Paris 1986, S. 730, ohne Nr.
  • AK Tokio 1989, Nr. 163, Abb.
  • AK Albertina 1990, Nr. 152, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 193
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 50
  • Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914-1918 (Ausst. Kat. Leopold Museum, Wien 2025), Köln 2025, Abb. S. 251
  • Provenance
  • 1929 erworben von Robert Freistadtl (1889-1948), Wien

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    Last edited22.04.2025