Baumstudie
Paul Cézanne
um 1880
Als im Dezember 2000 das Porträt von Cézannes Sohn Paul (Inv. 24087r) als Leihgabe für die Ausstellung "Vollendet - Unvollendet" in Wien und Zürich im Zuge der restauratorischen Vorbereitungsarbeiten neu montiert werden sollte, kam es zu einer sensationellen Entdeckung: Auf der bisher durch die alte Kaschierung verdeckten Rückseite fand sich diese der Öffentlichkeit wie der Forschung völlig unbekannte Baumstudie. Publik war bisher nur die Seite mit der Bleistiftskizze des Kopfes seines 1872 geborenen Sohnes Paul.
Das Blatt wurde 1924 erworben und dürfte bereits zu diesem Zeitpunkt als Verstärkung auf ein Untersatzpapier kaschiert gewesen sein, so dass die Rückseite unsichtbar war. Ob man von der zweiten Darstellung wusste und sie möglicherweise im Vergleich zu dem vom Sujet her viel populäreren Knabenporträt für zu unbedeutend hielt, lässt sich nicht mehr eruieren, da sie auch im alten Inventar der Albertina keine Erwähnung fand. Man würde aber eher vermuten, dass bei der Erwerbung - in Anbetracht der Bedeutung, die Cézannes Arbeiten schon damals hatten - ebenfalls nur das Porträt zur Ansicht vorlag und man von der Existenz einer Verso-Zeichnung nichts wusste. Die alte, aus dieser Zeit stammende Montierung wurde nun komplett abgelöst, wodurch die spektakuläre Baumstudie endlich zum Vorschein kommen konnte: Cézanne hat zahlreiche Zeichnungen von Bäumen angefertigt, deren strukturelle und zugleich dekorative Anordnung von Ästen und Zweigen eine besondere Faszination auf ihn ausgeübt haben dürfte. Diese Darstellung beeindruckt vor allem durch ihren bildhaften Charakter, den rhythmischen Linienduktus, die konstruktive, monumentale Form und die kompositionelle Spannung, die über das Skizzenhafte hinausweisen.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 78, Nr. 31.
