Mutter im grünen Morgenmantel
Marie-Louise von Motesiczky
1975
Der Zerfall der Donaumonarchie nach dem Ersten Weltkrieg und die Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 bedeuteten das Ende der Welt, in die Marie-Louise von Motesiczky hineingeboren war: Sie stammte aus einer wohlhabenden jüdisch-stämmigen Familie und wuchs im kulturell florierenden Wien der eleganten Salons und Kunstmäzene auf. Als Jugendliche lernte sie Max Beckmann persönlich kennen und begann danach autodidaktisch zu malen; 1927/28 besuchte sie Beckmanns Meisterklasse an der Frankfurter Städelschule. Nach dem „Anschluss“ emigrierte Motesiczky wie viele andere nach England und wandte sich dort einer expressiveren Malerei zu.
In ihrem stark autobiografisch geprägten Schaffen spielten Porträts immer eine bedeutende Rolle. Zu den Höhepunkten von Marie-Luise von Motesiczkys Porträtkunst gehören die Bildnisse ihrer Mutter. Das ständige Zusammenleben bis zum Tod Henriette von Motesiczkys 1978 gab der Künstlerin die Möglichkeit, sie regelmäßig zu malen oder zu zeichnen. Henriette von Motesiczky (1882-1978) entstammte dem reichen jüdischen Großbürgertum: als geborene von Lieben war sie mit den berühmten jüdischen Familien Brentano, Gomperz, Todesco und Wertheimstein verwandt. Sie war eine begeisterte Jägerin, die auf dem Sommersitz der Familie in der Hinterbrühl angeblich manchmal bereits vor dem Frühstück einen Hasen erlegte. Bereits früh verwitwet, lebte Henriette von Motesiczky nahezu immer mit ihrer Tochter zusammen in einem Haus. Ihre Beziehung war nicht zuletzt durch die gemeinsame Emigration nach England nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 sehr eng, wenn auch nicht unproblematisch: Die oft bettlägrige Henriette von Motesiczky vereinnahmte ihre Tochter stark, und die Künstlerin musste oft um der Mutter willen bei ihrer künstlerischen Arbeit oder ihren persönlichen Interessen zurückstecken.
Im Laufe der Jahre entstand eine berührende und in ihrer Art einzigartige Porträtserie, die das fortschreitende Altern der Mutter dokumentiert. Der lebendige Kolorismus, die expressive Malweise und die sensible, „psychologisierende“ Charakterisierung des Dargestellten ähneln Bildnissen von Oskar Kokoschka (1886-1980). Dass sie ihre Mutter so häufig malte, lag, wie die Künstlerin sagte, „vor allem an ihrer Persönlichkeit. Ich fühlte, daß es sich für mich lohnte, dies einzufangen und zu bewahren. Ich hatte nie das Gefühl, mit diesem Thema fertig zu sein.“ (Tate Gallery. Illustrated Catalogue of Acquistions, London 1996, S. 503. Übersetzung E.M.). Ihre Porträts wurden immer mehr zu sensiblen Psychogrammen und sind Ausdruck der innigen Beziehung zwischen Mutter und Tochter, ohne jemals in Sentimentalität zu verfallen. Ohne Beschönigung hielt die Künstlerin das Altern ihrer Mutter fest: Mein Streben, alles wahrheitsgemäß wiederzugeben, führte zu einigen erschreckenden Einblicken, aber ich hoffte, der Gesamteindruck würde etwas von der unmittelbaren Freude und Hoffnung vermitteln, die sie zeigte, wenn sich ihr jemand näherte.“ (Tate Gallery. Illustrated Catalogue of Acquistions, London 1996, S. 503. Übersetzung E.M.)
Auch die letzten Bildnisse, die ihre Mutter ganz kahlköpfig und abgemagert zeigen, berühren durch die Unmittelbarkeit und Schonungslosigkeit im Ausdruck, wo es der Künstlerin darum ging, einen bestimmten Ausdruck der Mutter wie für sich zur Erinnerung einzufangen. Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich, ein guter Bekannter und Nachbar der Motesiczkys im Londoner Stadtteil Hampstead, äußerte sich über den bemerkenswerten Stimmungsgehalt der Mutterbilder folgendermaßen: „[...] Andere Künstler haben ihre Mütter verewigt, man denke an Whistler und an Rembrandt, aber vielleicht nur Dürer hat in der ergreifenden Kohlezeichnung in Berlin eine ähnlich unbestechliche Objektivität erreicht [gemeint ist Albrecht Dürers Kohlezeichnung von seiner Mutter, 1514, Berlin, Kupferstichkabinett http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=1048008&viewType=detailView§, E.M.]. Es ist das erbarmungslose Festhalten des fortschreitenden Alters. Auf den ersten Blick mag diese Sachlichkeit unbarmherzig erscheinen, und doch ist sie getragen und erfüllt von tiefer und zärtlicher Liebe.“ (Ernst Gombrich: Exhibition Diary: Marie-Louise von Motesiczky / Manchester City Art Gallery, in: The World of Interiors, May 1994, S.1; Übersetzung E.M.)
Rahmenaußenmaß: 77 × 66,5 × 4 cm
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/397021/mutter-im-grunen-morgenmantelImage Request