Marie-Louise von Motesiczky, Siesta, Inv. Nr.: 47565r
Siesta
Marie-Louise von Motesiczky, Siesta, Inv. Nr.: 47565r
Credit: ALBERTINA, Wien – Schenkung des Marie-Louise von Motesiczky Charitable Trust Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Tate

Siesta

Marie-Louise von Motesiczky

1933




Zu den Höhepunkten von Marie-Luise von Motesiczkys Porträtkunst gehören die Bildnisse ihrer Mutter. Das ständige Zusammenleben bis zum Tod Henriette von Motesiczkys 1978 gab der Künstlerin die Möglichkeit, sie regelmäßig zu malen oder zu zeichnen. Henriette von Motesiczky (1882-1978) entstammte dem reichen jüdischen Großbürgertum: als geborene von Lieben war sie mit den berühmten jüdischen Familien Brentano, Gomperz, Todesco und Wertheimstein verwandt. Sie war eine begeisterte Jägerin, die auf dem Sommersitz der Familie in der Hinterbrühl angeblich manchmal bereits vor dem Frühstück einen Hasen erlegte. Bereits früh verwitwet, lebte Henriette von Motesiczky nahezu immer mit ihrer Tochter zusammen in einem Haus. Ihre Beziehung war nicht zuletzt durch die gemeinsame Emigration nach England nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 sehr eng, wenn auch nicht unproblematisch: Die oft bettlägrige Henriette von Motesiczky vereinnahmte ihre Tochter stark, und die Künstlerin musste oft um der Mutter willen bei ihrer künstlerischen Arbeit oder ihren persönlichen Interessen zurückstecken.

Im Laufe der Jahre entstand eine berührende und in ihrer Art einzigartige Porträtserie, die das fortschreitende Altern der Mutter dokumentiert. Der lebendige Kolorismus, die expressive Malweise und die sensible, „psychologisierende“ Charakterisierung des Dargestellten ähneln Bildnissen von Oskar Kokoschka (1886-1980). Dass sie ihre Mutter so häufig malte, lag, wie die Künstlerin sagte, „vor allem an ihrer Persönlichkeit. Ich fühlte, daß es sich für mich lohnte, dies einzufangen und zu bewahren. Ich hatte nie das Gefühl, mit diesem Thema fertig zu sein.(Tate Gallery. Illustrated Catalogue of Acquistions, London 1996, S. 503. Übersetzung E.M.). Ihre Porträts wurden immer mehr zu sensiblen Psychogrammen und sind Ausdruck der innigen Beziehung zwischen Mutter und Tochter, ohne jemals in Sentimentalität zu verfallen. Ohne Beschönigung hielt die Künstlerin das Altern ihrer Mutter fest: Mein Streben, alles wahrheitsgemäß wiederzugeben, führte zu einigen erschreckenden Einblicken, aber ich hoffte, der Gesamteindruck würde etwas von der unmittelbaren Freude und Hoffnung vermitteln, die sie zeigte, wenn sich ihr jemand näherte.“ (Tate Gallery. Illustrated Catalogue of Acquistions, London 1996, S. 503. Übersetzung E.M.)

Auch die letzten Bildnisse, die ihre Mutter ganz kahlköpfig und abgemagert zeigen, berühren durch die Unmittelbarkeit und Schonungslosigkeit im Ausdruck, wo es der Künstlerin darum ging, einen bestimmten Ausdruck der Mutter wie für sich zur Erinnerung einzufangen. Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich, ein guter Bekannter und Nachbar der Motesiczkys im Londoner Stadtteil Hampstead, äußerte sich über den bemerkenswerten Stimmungsgehalt der Mutterbilder folgendermaßen: „[...] Andere Künstler haben ihre Mütter verewigt, man denke an Whistler und an Rembrandt, aber vielleicht nur Dürer hat in der ergreifenden Kohlezeichnung in Berlin eine ähnlich unbestechliche Objektivität erreicht [gemeint ist Albrecht Dürers Kohlezeichnung von seiner Mutter, 1514, Berlin, Kupferstichkabinett http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=1048008&viewType=detailView§, E.M.]. Es ist das erbarmungslose Festhalten des fortschreitenden Alters. Auf den ersten Blick mag diese Sachlichkeit unbarmherzig erscheinen, und doch ist sie getragen und erfüllt von tiefer und zärtlicher Liebe.“ (Ernst Gombrich: Exhibition Diary: Marie-Louise von Motesiczky / Manchester City Art Gallery, in: The World of Interiors, May 1994, S.1; Übersetzung E.M.)



Künstler:in (Wien 1906 - 1996 London)
Date1933
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPastell, Kohle auf Papier
Dimensions30,8 × 48,1 cm
CreditALBERTINA, Wien – Schenkung des Marie-Louise von Motesiczky Charitable Trust
Object number47565r
Catalogue raisonné
  • Schlenker S. 530
  • MLvM Zeichnung Inv. 647
  • Bibliography
  • Jeremy Adler/Birgit Sander (Hg.), Marie-Louise von Motesiczky. Die Malerin (Kat. Ausst.,Tate, Liverpool 2006, Museum Giersch, Frankfurt 2006/2007, Wien Museum, Wien 2007), München, Berlin, London, New York 2006, Nr. 22.
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/397027/siestaImage Request
    Last edited10.08.2026

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