Grablegung Christi
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1530-1563
In der Grablegung Christi inspiriert sich Schiavone wiederum an den beide Radierungen von Parmigianino, die er frei umgestaltet. Mehr an die zweite Fassung erinnern die kontrastreiche Lichtführung, die kantige Form des Steinblocks und die Gestalt des Josef von Arimathäa (?), der sich durch seine aufrechte Haltung von der Gruppe absetzt und mit triumphierender Geste die Dornenkrone in der Linken wie einen Siegeskranz über das Haupt Christi hält. Für die Radierung existieren eine von L. Fröhlich-Bum erstmals publizierte lavierte Federzeichnung in den Uffizien und eine lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnung in Chatsworth (Dell’Antonio 2010, Kat. 10-11, fig. 9-10; https://permalink.obvsg.at/alb/AC17011922§). Beide sind gegensinnig gegenüber dem Druck und belegen, dass Schiavone seine Radierungen durch Vorzeichnungen vorbereitet hat. In beiden ist die Komposition schon genau festgelegt, wobei das Blatt in den Uffizien der Ausführung näher steht. Wie W. R. Rearick (Florenz 1976, Nr. 102; https://permalink.obvsg.at/alb/AC04127559§) bereits festgestellt hat, kommt der Zeichenstil den Studien Parmigianinos für die Grablegung Christi, vor allem einer Zeichnung in Parma (Popham 1971, Nr. 555, Pl. 158; https://permalink.obvsg.at/alb/AC09003992§), so nahe, dass eine Kenntnis vorauszusetzen ist. Schiavone übernimmt hiervon das pulsierende Helldunkel, den skizzenhaften Linienverlauf und das Hinterlegen der Schatten durch Schraffuren. Aus Parmigianinos Zeichnung in Parma ist auch die Gestalt der den Oberkörper Christi berührenden Muttergottes entlehnt, die in Schiavones Radierung jedoch zu der Frauengestalt wird, welche die ohnmächtig vorsinkende Maria stützt. Durch die mit ausgestrecktem Arm schräg ins Bild ragende Pose Mariens schafft der Künstler eine wirkungsvolle Gegenbewegung zur Gestalt des Josef von Arimathäa (?), wohingegen Parmigianino in seinen Radierungen eine Erzählfolge wählt, die von links nach rechts bzw. umgekehrt verläuft. In der Grablegung Christi orientiert sich Schiavone in den langen, sich strohig verflechtenden Linien, die frei und skizzenhaft verlaufen, wie in seinen anderen Versionen der Darstellung ganz an der Radiertechnik Parmigianinos. Sie dürften daher alle aus der Zeit um 1540 bis 1543/44 stammen. Bei dem hier besprochenen Druck haben diese Datierung bereits W. R. Rearick und F. Richardson vertreten. C. Callegari spricht sich für eine Entstehung in der zweiten Hälfte der 1540er-Jahre aus und weist darauf hin, dass die Pose Christi auf einer um 1550 datierbaren Zeichnung Schiavones im Victoria and Albert Museum wiederkehrt (Dell’Antonio 2010, Kat. 20, fig. 29; https://permalink.obvsg.at/alb/AC17011922§). Die Ähnlichkeit ist tatsächlich verblüffend, doch könnte der Künstler die Haltung des Heilands mit dem aufrechten Oberkörper und dem vorsackenden Kopf später noch einmal aufgegriffen haben. In Radierungen Schiavones aus der Zeit zwischen 1545 und 1550 wie dem Wachtelwunder (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 62, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) oder der Anbetung der Könige (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 95, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) fällt auf, dass die Bewegungen fließender sind und harmonischer ineinander übergehen. Die Körper vermögen sich frei in den Raum zu drehen und zeichnen sich plastisch unter den Gewändern ab. Man beachte dagegen, wie beim Josef von Arimathäa (?) das mechanisch gezeichnete Gewand den Körper nicht wirklich umrundet, sondern von vorne aufgelegt zu sein scheint. Auch das Helldunkel vereinheitlicht noch nicht, sondern modelliert jede Gestalt einzeln heraus.
C. Callegari zufolge existieren 6 Zustände der Platte. Den ersten Zustand überliefert ein Exemplar in Budapest (Szépmüvészeti Múzeum), das G. Dillon aufgefunden hat. Von diesem unterscheidet sich der hier besprochene Druck der Albertina (fünfter Zustand) am auffälligsten durch die Veränderungen an dem Hügel und die Einfügung eines weiteren Kopfes rechts von Maria.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 17, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§
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