Grablegung Christi
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1540-1543
Schiavone hat sich während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn in Malerei, Zeichnung und Druckgrafik immer wieder mit den Themen der Beweinung Christi, der Grablegung und der Pietà befasst. Besonderer Einfluss ging dabei von den beiden Radierungen Parmigianinos aus. Am deutlichsten ist dies bei der hier vorliegenden Radierung, die Parmigianinos erste Fassung der Grablegung Christi nicht nur in der Leserichtung, sondern auch in der poesievollen Stimmung und der zarten duftigen Lichtwirkung nachzuahmen sucht. Auch in den feinen fließenden Linien, die sich in den Schattenbereichen netzartig verflechten, hält sich Schiavone eng an die Radiertechnik seines Vorbildes. Gleichwohl rückt der Künstler die Figuren stärker zusammen, die dadurch präsenter werden, reduziert etwas die landschaftliche Umgebung und fügt im Hintergrund eine Baumgruppe ein. Schließlich gibt er der Komposition ein etwas gestreckteres Format. Schiavone verwertete aber auch Elemente der zweiten Fassung. Es bot sich ihm geradezu an, sie unmittelbar zu übernehmen, da sie beim Druck in der gewünschten Umkehrung erscheinen. So verwertete er aus Parmigianinos zweiten Version die Gestalt des Heilands mit seinem unverschatteten Arm sowie die Dreiergruppe der bärtigen Männer und den Kopf des Jugendlichen neben der Frau mit erhobener Hand im Hintergrund. Von der zweiten Fassung entlehnte Schiavone zudem die vertikalen Schraffuren am Steinblock und das Büschchen davor. Der Künstler konnte zudem nicht umhin, sein Vorbild an einigen Stellen zu korrigieren. So verkürzte er den Steinsockel und veränderte die Gestalt des Josef von Arimathäa (?), der in Parmigianinos erster Fassung der Grablegung Christi an vorderster Stelle steht, seinen rechten Arm aber etwas unglücklich hinter die benachbarten Figuren schiebt. Schiavone versetzte ihn hinter die Frau, die den Leichnam Christi stützt. Er schob ihn zudem näher an sie heran, sodass sein ausgestreckter Arm kaum mehr zu sehen ist. Seine prominente Rolle im Bildgeschehen büßte er bei Schiavone dafür aber ein. F. Richardson, G. Dillon und A. Ballarin haben die Radierung um 1545 bzw. in die zweite Hälfte der 1540er-Jahre datiert, doch stimme ich mit W. R. Rearick überein, der sie für ein frühes Werk hält. Hierfür spricht die Treue, mit der sich Schiavone an sein Vorbild hält und wie er sich an der Linienführung Parmigianinos zu schulen versucht. In der flächenhaften Wiedergabe der Figuren, deren Körper nicht plastisch gerundet sind und sich noch kaum unter den Gewändern abzeichnen, schließt das Blatt an die frühe Apostelfolge und die Repliken der Metallstiftserie von Parmigianino an. Schiavones Grablegung Christi hat das gleiche Format wie eine Radierung aus Privatbesitz (vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 15, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) gleicher Thematik (Bartsch XVI.50.18, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch1818bd16/0060/image,info§), und auch die am Exemplar des British Museum (https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_W-1-67§) sichtbare Beschädigung der Platte in Form einer Einbuchtung am oberen Rand und die abgerundete linke untere Ecke kommen dort an gegenüberliegender Stelle vor (vgl. Exemplar Albertina, Wien HB 33.1, p. 18, blaue Nummer 27). Schiavone verwendete daher vermutlich gleichzeitig dieselbe Platte für beide Darstellungen. Seine Grablegung Christi B. 18 https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch1818bd16/0060/image,info§ (vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 15, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) setzt aber die Kenntnis der für den Konvent von Corpus Domini in Venedig gemalten Pietà voraus, die Salviati zwischen 1539 und 1541 gemalt hat (https://pinacotecabrera.org/en/collezione-online/opere/compianto-sul-cristo-morto/§). Die beiden Radierungen können daher nicht zuvor entstanden sein, was aufgrund der engen stilistischen Bezüge auch für die oben erwähnten anderen frühen Werke zutreffen dürfte. Daher bietet sich für alle eine Datierung um 1540-1543 an.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 13; https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/604638/grablegung-christiImage Request