Grablegung Christi
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1550
Montagekarton (historisch): 36,7 × 45,1 cm
Die chromatische Wirkung dieser prachtvollen Zeichnung ist von der Technik der mit verschiedenen Platten gedruckten Clair-obscur-Holzschnitte von Ugo da Carpi und Niccolò Vicentino angeregt, wie K. Oberhuber festgestellt hat. Schiavone hat sich auch in einzelnen Radierungen vor allem von den Farbholzschnitten Vicentinos anregen lassen. Wie J. Müller Hofstede erkannt hat, basiert die Komposition auf einem 1548 datierten Kupferstich des aus Parma gebürtigen Stechers Enea Vico (B. XV, S. 284f., Nr. 8; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch_albertina1813bd15/0288/image,info§ Inv. DG2017/3/7695), den Schiavone vermutlich in Venedig kennengelernt hat, und dessen Drucke er verschiedentlich zum Vorbild genommen hatte. Es existiert zwar ein weiterer, Giulio Bonasone zugeschriebener Stich (Rom 1985, Nr. IV.1; https://permalink.obvsg.at/alb/ALB0030179§), der aber nicht als Vorlage für die Zeichnung in Frage kommt, da er die Darstellung gegensinnig wiedergibt. Vicos Stich gibt eine Erfindung von Raffael wieder, zu der sich vormals eine lavierte und mit weiß gehöhte Federzeichnung von Raffael oder seiner Schule in den herzöglichen Sammlungen in Gotha erhalten hat. Diese ist heute verloren, aber u.a. durch eine Fotografie, eine partielle Kopie im Louvre (Cordellier und Py 1992, Nr. 890; https://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV008023675§) und einen Druck von Santi Pacini (Massari 1983, fig. 19; https://permalink.obvsg.at/alb/AC16783587§) überliefert. Die durch den Sich verbreitete Darstellung hatte großen Einfluss auf Künstler der Niederlande. Auf diesem Druck von Enea Vico basiert auch eine zweite Zeichnung von Schiavone, die sich im Victoria and Albert Museum in London befindet (Dell’Antonio 2010, Kat. 20, fig. 29; https://permalink.obvsg.at/alb/AC17011922§). Sie ist mit schwarzer Kreide, brauner Lavierung und Weißhöhung auf hellbraunem Papier ausgeführt und gibt die Figuren differenzierter wieder. Auf dieser hat Schiavone zudem den monumentalen Grabbau von Enea Vicos Stich übernommen, der im Übrigen ähnlich in der Radierung mit der Muttergottes, dem Christuskind in der Wiege und Heiligen wiederkehrt (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 119, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§). Bei Streiflicht ist auf dem Wiener Blatt zu erkennen, dass die Griffelvorzeichnung abweicht und mit den Umrissen der Gestalten auf dem Londoner Blatt übereinstimmt. Daraus lässt sich schließen, dass die Londoner Zeichnung die frühere war und die figürliche Komposition möglicherweise von dieser auf die Beweinung Christi in Wien übertragen wurde. In dieser verleiht Schiavone den Figuren Raffaels eine Eleganz und Grazie und bindet sie in einem kontinuierlichen Fluss zusammen, worin er sich an dem Figurenideal Parmigianinos orientiert. Die Köpfe der in der zweiten Reihe stehenden Trauerenden sind zudem von Parmigianinos Radierungen der Grablegung Christi (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 11-12, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) angeregt. Die vorgebeugte Pose des Josef von Arimathäa (?), der den Leib Christi von hinten stützt, dürfte hingegen von Salviatis 1539-1541 für den Konvent von Corpus Domini in Venedig gemalter Pietà (Mailand, Pinacoteca di Brera; Venedig 2015-2016, Nr. VI. 3; https://pinacotecabrera.org/en/collezione-online/opere/compianto-sul-cristo-morto/§) angeregt sein, wie S. Dell’Antonio festgestellt hat. So verbindet Schiavone römische, oberitalienische und toskanische Einflüsse in dieser Zeichnung, die jedoch zur Gänze den Stil des venezianischen Künstlers offenbart. Aufgrund der Abhängigkeit der Darstellung von Vicos 1548 datiertem Stich könnte die von anderer Hand am unteren Rand aufgetragene Jahreszahl 1550 durchaus der Entstehungszeit des Blattes entsprechen. Es lässt sich ein deutlicher stilistischer Unterschied zu der hier ebenfalls ausgestellten, wohl in die frühen 1540er-Jahre datierbare Zeichnung mit der Salbung des Leichnams Christi (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 14, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) erkennen. Während in dieser die Trauernden noch vergleichsweise statisch aufgefasst sind und sich dicht aneinanderreihen, bildet sich in der Beweinung Christi Raum zwischen den Figuren. Schiavone modelliert diese nun plastisch heraus und lässt sie individuell hervortreten. Sie breiten sich nicht mehr in die Fläche, sondern vermögen sich mit ihren Körpern geschmeidig um die Achse zu drehen und in den Raum auszugreifen. Indem Schiavone Abstände zwischen den Figuren schafft und einzelne von ihnen verkürzt, wird auch ihre genaue Position anschaulich. Zugleich findet ihr tiefes emotionales Empfinden nun einen ganz unmittelbaren Ausdruck im dynamischen Fluss der Bewegungen.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 116, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
Die Darstellung des vorliegenden Blattes variiert eine verlorene Komposition Raffaello Santis oder seines Ateliers. Auf diese verschollene Zeichnung, ehemals im Schloss in Gotha, wird sowohl in einer Kopie im Louvre (Inv. Nr. 1809; Cordellier/Py 1992, Nr. 890) als in den Stichen von G. Bonasone (A.K. Giulio Bonasone (bearb. v. S. Massari), Rom (Gabinetto Nazionale per la Grafica) 1983, I, Nr. 34; S. Massari, Raphael invenit, Rom 1985, p. 170, IV, Nr. 1) und E. Vico (Bartsch 1803-1821, Bd. XV, p. 284, Nr. 8; TIB 30/15, p. 17) Bezug genommen. Auch Schiavone selbst variiert diese Komposition in einer vorangegangenen Zeichnung im Victoria and Albert Museum (Dalton Bequest 1050-1900; Richardson 1972, Nr. 182, Fig. 133; Ward-Jackson 1979, Nr. 315). Die Richtigkeit der Jahreszahl ,,1550" wird durch Vicos Stich, der 1548 datiert ist, unterstützt. Zur Rezeptionsgeschichte dieses Sujets vgl. Cordellier/Py 1992, p. 517-518.
zitiert aus: Veronika Birke, Janine Kertész, Die italienischen Zeichnungen der Albertina. Generalverzeichnis, II, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 838, Nr. 1579.
