Rhinocerus (Das Rhinozeros)
Albrecht Dürer
1515 (Abdruck Janssen, Amsterdam, nach 1620)
Dürers Flugblatt RHINOCERVS unterrichtet über die aufsehenerregende Ankunft eines indischen Panzernashorns in Lissabon. Das exotische Tier, ein Geschenk des Sultans von Gujarat an König Manuel I., erreichte Portugal im Mai 1515. Von dort aus trat es eine weitere Seereise Richtung Rom an, wo es dem Papst übergeben werden sollte. Es erreichte seinen Bestimmungsort jedoch nie, da das Segelschiff an der ligurischen Küste zerschellte und mit dem angeketteten Tier unterging.
Dürers Rhinozeros, das auf einem nach Nürnberg gesandten Bericht mit illustrierender Federzeichnung basiert, sollte zu einem seiner erfolgreichsten und meistverkauften Holzschnitte werden. Das Blatt, das bereits im 16. Jahrhundert in hohen Auflagen gedruckt wurde, erschien in mindestens acht Druckkampagnen. Im 17. Jahrhundert wurde der Holzstock, der bereits von starken Abnutzungspuren gezeichnet war, von dem Amsterdamer Verleger Willem Janssen erworben, der ihn um eine farbige Tonplatte ergänzte und das Blatt als Clair-obscur-Holzschnitt veröffentlichte.
Dürer’s RHINOCERVS leaflet provides information about the sensational arrival of an Indian rhinoceros in Lisbon. The exotic animal, a gift of the Sultan of Gujarat to King Manuel I, reached Portugal in May 1515. From there it embarked on a further sea journey to Rome, where it was to be presented to the Pope. It never reached its destination, however; the sailing ship crashed on the Ligurian coast and sank with the chained-up animal.
Dürer’s depiction of the rhinoceros is based on an account illustrated with a pen drawing that had been sent to Nuremberg. The print would become one of Dürer’s most successful and best-selling woodcuts. Already published in a large edition in the sixteenth century, it would appear in at least further eight printings. The considerably worn down block was acquired in the seventeenth century by the Amsterdam publisher Willem Janssen, who added a new tone block and reissued the sheet as a chiaroscuro woodprint.
Platte: 21,3 × 29,9 cm
Albrecht Dürers ungemein populäres Rhinocerus bestimmte in Europa über Jahrhunderte hinweg die Vorstellung vom Aussehen eines Nashorns, wenngleich der Künstler das Tier nie mit eigenen Augen gesehen hat. Alfonso de Albuquerque, Vertreter der portugiesischen Krone in Indien, hatte das Tier auf einer Mission von Sultan Muzaffar von Gujarat erhalten und es anschließend König Manuel I. von Portugal zum Geschenk gemacht. Der portugiesische König seinerseits wollte das Tier Papst Leo X. vermachen, wie zuvor schon den Elefanten Hanno, der im Frühjahr 1514 in Rom eingetroffen war und dort zwei Jahre später starb. Das Rhinozeros erreichte jedoch nie die Heilige Stadt. Das Segelschiff, das es transportierte, zerschellte an der ligurischen Küste und ging mit dem angeketteten Tier unter. Dürer erfuhr von der Ankunft des Tieres in Lissabon durch den Bericht eines dort ansässigen Nachrichtenagenten an die Nürnberger Kaufmannschaft. Dieser Nachricht war höchstwahrscheinlich auch eine heute verlorene Zeichnung des Tieres beigefügt, welche die Grundlage für Dürers Federzeichnung im British Museum (Inv.-Nr. SL,5218.161) und seiner handschriftlichen Beschreibung des Tieres im Text unterhalb bildeten. Die Zeichnung diente ihrerseits als gegenseitige Vorlage für den Holzschnitt. Die Textzeilen am oberen Rand erscheinen mit Abweichungen nur in den früheren Zuständen und fehlen in dem hier ausgestellten Exemplar. Diese teilweise von der Beschreibung des Tieres bei Plinius (Nat. Hist., Buch 8, XXIX; http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.02.0137%3Abook%3D8%3Achapter%3D29§) angeregte Aufschrift über dem Holzschnitt liefert Informationen über das charakteristische Aussehen des Nashorns, und bezeichnet es als Todfeind des Elefanten, unter dessen Beinen es durchlaufe, ihm den Bauch mit seinem Horn aufschlitze und ihn dann erwürge. Der Aufschrift zufolge sei es gepanzert wie eine gesprenkelte Schildkröte und von dicken Schalen fest umgeben. Dürer hat aus diesem Grunde das Tier fälschlicherweise mit panzerähnlichen Schalen dargestellt, deren Verlauf aber relativ genau den dicken Hautfalten des indischen Nashorns entspricht. Dieses bildet bisweilen ein kleineres hornartiges Gebilde auf dem Nacken aus, was Dürer somit durchaus zutreffend auf dem Holzschnitt wiedergibt. Dürers Panzernashorn wurde zahlreich nachgeahmt und kopiert sowie für Illustrationen in zoologischen Traktaten, Enzyklopädien und Emblembüchern verwendet (Cambridge und Evanston 2011–2012, S. 172). Schon im 16. Jahrhundert hatte das Flugblatt eine extrem hohe Auflage, und insgesamt lassen sich acht verschiedene Druckzustände nachweisen. Deren Abfolge lässt sich unter anderem aufgrund eines Sprungs in der Platte bestimmen, der anfangs nur durch die beiden Hinterbeine des Tieres ging und sich dann parallel zur Unterkante kontinuierlich fortsetzte. Im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts gelangte die Platte in die Niederlande, wo sie um 1620 der Verleger Hendrick Hondius in Den Haag erwarb und mit holländischen Textzeilen versah. Anschließend kam sie in Besitz des Amsterdamer Verlegers Willem Janssen, der eine farbige Tonplatte hinzufügte, wie das ausgestellte Exemplar zeigt. Das Rhinocerus wurde somit erst 100 Jahre nach dem Ableben Dürers als Clair-obscur-Holzschnitt veröffentlicht. Dies war gewiss nicht im Sinne des Meisters, der sich nie mit dieser Technik befasst hat. Seine Holzschnitte kennzeichnet eine außergewöhnliche Feinheit und Variationsvielfalt im Verlauf der Linien, die zart schwingen, sich runden oder zu übereinander gelagerten Schraffuren verdichten und im Wechsel mit dem hellen Blattgrund in den Darstellungen den Eindruck von gelöster Bewegtheit, farbigem Reichtum und einer durchlichteten Atmosphäre entstehen lassen. Dieser Ausdruckvielfalt wusste Dürer durch den schwarzen Ton zudem eine vollkommen einheitliche Wirkung zu geben. All dies machte ein Experimentieren mit dem Zusatz von Farben überflüssig. Bei dem Rhinocerus bildet die Tonplatte einen vollflächigen Fond, und nur an einigen Stellen treten Lichthöhungen auf, die dem Körper Glanz verleihen. Die detaillierte Zeichnung des Tieres kommt aber beim reinen Schwarzdruck im Kontrast zu dem hellen Papiergrund wesentlich besser zur Geltung.
Literatur: Seibt 1891, S. 31f.; Dodgson 1903 a, S. 307, Nr. 125c; Geisberg 1930, Nr. 721; Meder 1932, Nr. 273; Strauss 1973, Nr. 2; Geisberg und Strauss 1974, Bd. 2, S. 684; Bartrum 1995, unter Nr. 35; Schoch, Mende, Scherbaum 2002, Nr. 241 (Text v. Y. Doosry); Cambridge und Evanston 2011–2012, Kat. 35 (Text v. D. Zolli)
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