Die Meditation
Domenico Beccafumi gen. Mecarino
um 1547-1551
A. Bartsch hielt die Meditation und die Sibylle (Albertina Inv. DG2002/546) in rundem Feld für Arbeiten eines anonymen Formschneiders nach Entwürfen, die er mit Parmigianino in Zusammenhang brachte, eine Ansicht, der K. Oberhuber noch 1963 folgte. In seinem Ausstellungskatalog über die Graphik der Renaissance in Italien (Wien 1966) schrieb K. Oberhuber die Clair-obscur-Holzschnitte aber Beccafumi zu. Während W. H. Trotter noch unsicher war, ob die Vorlagen auf Parmigianino oder Beccafumi zurückzuführen seien, hat D. Sanminiateli die meditierende Frau mit Ugo da Carpi in Verbindung gebracht. Die Zuschreibung der beiden Blätter an Beccafumi hat sich jedoch durchgesetzt und wurde auch von A. De Marchi in der großen Beccafumi-Ausstellung 1990 in Siena vertreten. Die Meditation lässt in der Tat Bezüge zu Werken Parmigianinos erkennen, der sich in einer Reihe von Zeichnungen aus der Zeit um 1523/24 mit Darstellungen von Frauen in Innenräumen befasst hat. Die bekannteste ist die sogenannte hl. Thais (Gnann 2007, Kat. 173 Recto), die Parmigianino auch in einer Radierung (B. XVI, S. 12f., Nr. 10) festgehalten hat. Der Stil der beiden weiblichen Figuren mit ihren weit vorne liegenden Augen, dem kleinen Mund, der langen schmalen Nase und den charakteristischen gebogenen Händen mit krallenartigen Fingern weist jedoch eindeutig auf Beccafumi. Ähnlich gestaltet sind etwa die Zwickelfiguren in den Deckenfresken der Sala del Concistoro im Palazzo Pubblico in Siena (Sanminiatelli 1967, Kat. 47). Das äußerst seltene Blatt Die Meditiation zeigt eine sitzende Frau in einem Gemach, welche die Lektüre in ihren Büchern unterbrochen hat und gedankenversunken aus dem Fenster auf den Nachthimmel blickt. Vor den Mond haben sich zwar Wolken geschoben, doch fällt Licht ins Innere und lässt durch das flackernde Helldunkel eine mysteriöse Stimmung entstehen, die durch den melancholischen Gesichtsausdruck der Frauengestalt fast schwermütig wirkt. Während die Lichtstrahlen ruhig über das Mobiliar gleiten, entfalten sie auf dem Frauenkörper ein Eigenleben, zucken wie Blitze auf, sammeln sich, um die Rundungen hervorzuheben, oder legen sich wie Netze über die Gliedmaßen. Sie erhalten im Dunkeln eine geradezu phosphoriszierende Wirkung. Das lebhafte Lichtspiel und die für Parmigianino ganz untypischen facettenartigen Brechungen der Gewandfalten machen eine innere Erregung der Frauengestalt spürbar. Die Bedeutung der Dargestellten ist ungeklärt, möglicherweise handelt es sich um eine Sibylle. Ihre Sitzpose mit den übereinandergeschlagenen Beinen erinnert an eine Sibylle in Beccafumis Fries mit Figuren aus dem Alten Testament im Marmorpaviment vor dem Hauptaltar des Sieneser Doms (Sanminiatelli 1967, Tav. 69a). A. De Marchi hat zudem darauf hingewiesen, dass in dem 1546 datierbaren Verkündigungsgemälde des Künstlers in der Kirche San Martino e Santa Vittoria in Sarteano (Siena 1990, Kat. 38) ein ähnlicher Fensterausschnitt mit Blick auf einen bewölkten Himmel erscheint. Für die faszinierende Darstellung auf dem Holzschnitt ließ sich Beccafumi ursprünglich vielleicht von einem Kupferstich Marcantonio Raimondis (B. XIV, S. 342, Nr. 460) nach einem Entwurf Raphaels anregen, der eine an einem Fenster sitzende Frau in nachdenklicher Haltung zeigt. Die beiden Clair-obscur-Holzschnitte sind wohl die technisch raffiniertesten und vollendetesten des Künstlers. Gegenüber den breiten, unregelmäßig begrenzten Farb- und Lichtfeldern in den Aposteldarstellungen (Wien 2013, Sammlung Baselitz, Kat. 113, 114) ist die Modellierung bei den beiden Frauengestalten feiner und präziser. Dadurch erhalten die Körper nun auch mehr Plastizität und Rundung. Die Linien der Lichthöhungen bestehen aus dünnen, sich zu Netzen verflechtenden Linien, die wie mit der Pinselspitze aufgesetzt erscheinen. Sie sind schwungvoll und wirken wie mit größter Leichtigkeit geschnitten, als habe das Holz keinerlei Widerstand geboten. Auch die schwarzen Linien der Strichplatte haben die Sprödigkeit früherer Drucke verloren und lassen sich von gestochenen Linien kaum unterscheiden. Beccafumi ist es gelungen, den beiden Clair-obscur-Holzschnitten das Aussehen von jenen Blättern zu geben, in denen er den Kupferstich mit einer oder mehreren Tonplatten kombiniert hat. Er arbeitete offensichtlich beständig an der Weiterentwicklung und Vollendung seiner Technik. Sie wandelte sich von einer malerisch-breiten zu einer feinen, graphisch-linearen Manier, welche den Darstellungen ein preziöses, fast schmuckstückhaftes Aussehen verleiht. Bei der Sibylle in rundem Feld schafft er dabei einen großen Reichtum an Tonabstufungen, wenngleich er nur zwei Platten verwendete. Er orientierte sich in diesen späten Drucken weniger an den reifen Holzschnitten von Ugo da Carpi als an den mit zwei Platten gedruckten Clair-obscurs von Antonio da Trento, wie dessen Madonna mit der Rose (Wien 2013, Sammlung Baselitz, Kat. 71). Hinsichtlich der Sibylle in rundem Feld mit ihrem schillernden Kleid, das von scharfkantigen, metallisch anmutenden Falten durchzogen wird, hat A. De Marchi (1990) auf Bezüge zu der Gestaltung der transparenten Gewänder bei den Bronzeengeln im Dom von Siena hingewiesen, die Beccafumi zwischen 1547 und 1551 geschaffen hat.
AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 123, S. 252.
Literatur: Reichel 1926, S. 39, Taf. 60 oben (anonym); Copertini 1932, Bd. 2, S. 48, Nr. 3 (anonym); Sanminiatelli 1956, S. 55, 60, Anm. 2 (Ugo da Carpi); Wien 1963, Nr. 175; Wien 1966, S. 134, unter Nr. 205; Trotter 1974, S. 36, 198; Karpinski 1983, S. 243; De Marchi 1990, S. 420; Siena 1990, Kat. 172 (Text v. A. De Marchi)
