Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani), Madonna mit Kind und Heiligen, Inv. Nr.: DG2002/433
Madonna mit Kind und Heiligen
Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani), Madonna mit Kind und Heiligen, Inv. Nr.: DG2002/433
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Madonna mit Kind und Heiligen

Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani)

um 1533-1540




Künstler:in (Italien, geboren 1501/1515)
Nach (Parma 1503 - 1540 Casalmaggiore)
Dateum 1533-1540
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt von drei Platten
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/433
Signedr.u. "F.P.Nic.Vicentino.T."
Im Kontext der Sammlung
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/2/25 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/2. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 2. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Text

Von den fünf signierten Clair-obscur-Holzschnitten Niccolò Vicentinos gehört die Madonna mit Kind und Heiligen zu den schönsten. Traditionell war man der Auffassung, das Blatt gehe auf eine Erfindung Parmigianinos zurück, was auch die Buchstaben »F. P.« am rechten unteren Rand glauben machen, welche die Initialen des Namens Francesco Parmigianino sind. Die Komposition erinnert tatsächlich stark an diesen Künstler, vor allem an dessen 1528/29 gemalte Muttergottes mit Kind und Heiligen in Bologna (Pinacoteca Nazionale di Bologna; Di Giampaolo 1991, Nr. 34), mit der sie die dichte Anordnung der Figuren, die graziösen, geschwungenen Bewegungen und einzelne Motive wie die kniende weibliche Heilige mit dem Drachen zu ihren Füßen verbindet. Erste Zweifel an der Bestimmung hegte jedoch bereits S. J. Freedberg (1950), dem zufolge zu dem Clair-obscur keine Vorzeichnung für das Bologneser Gemälde vorlag, sondern ein überarbeitetes, spezifisch für die Reproduktion im Holzschnitt geschaffenes Blatt. Freedberg zufolge müsse diese Zeichnung nicht notwendigerweise von der Hand Parmigianinos stammen. Tatsächlich geht die Idee nicht auf Parmigianino zurück, denn der Farbholzschnitt korrespondiert seiten- und annähernd maßgleich mit der Darstellung auf einem monochromen Ölbozzetto auf Papier in den Uffizien (Wien 2013, Abb. 58). Diese Ölstudie wurde zunächst Masteletta (Collobi Ragghianti 1954, S. 484) und später Parmigianino (Sricchia Santoro 1953, S. 61) zugeschrieben, bis sie A. E. Popham vorsichtig als ein Werk von Camillo Boccaccino bestimmte. Der Bozzetto bereitet eine heute verlorene Altartafel vor, welche die Familie Busti am 3. April 1533 bei Camillo Boccaccino für ihre Kapelle im Dom von Cremona in Auftrag gegeben hat (zu anderen Studien für das Bild vgl. Bora 1976, S. 54ff.; Cremona 1985, S. 276). Das Gemälde war 1535 soeben begonnen, befand sich aber noch beim Tod des Cremoneser Malers 1546 in dessen Wohnung und gelangte nie an seinen Bestimmungsort. Dargestellt waren neben der Muttergottes mit Kind auf der linken Seite die beiden Heiligen Martha und ihre Schwester Magdalena sowie im Hintergrund der hl. Antonius Abbas und auf der rechten Seite der hl. Jakobus und ein Engel. Als Niccolò in Besitz der Ölstudie oder einer heute nicht mehr erhaltenen Zeichnung Camillos mit einer nahezu identischen Darstellung gelangte, um diese als Farbholzschnitt wiederzugeben, dachte er offenbar, diese sei von der Hand Parmigianinos. Es ist auffällig, dass er nach Beendigung der Zusammenarbeit mit Parmigianino gegen 1530, als dieser in seine Heimatstadt Parma zurückkehrte, an Vorlagen zu kommen suchte, die dem Stil des Künstlers sehr nahestehen. Gegenüber Niccolòs Christus heilt die Aussätzigen und Anbetung der Könige (Albertina, Inv. DG2002/422 und Inv. DG2002/416), in denen die breiten und malerisch aufgelösten Farbflächen sich noch übereinanderlagern, die Figuren an die Fläche binden und die Linien der schwarzen Strichplatte die Formen cloisonnéartig einschließen, ist bei der Madonna mit Kind und Heiligen bereits eine stilistische Weiterentwicklung festzustellen. Die Bewegungen sind in diesem Blatt schwungvoller und dynamischer, die Linien der Strichplatten legen sich rundend um die Körper und modellieren diese kompakt heraus. Die Glanzlichter gleiten nicht mehr schlierenartig über die Oberfläche, sondern sind feiner und sparsamer eingesetzt, heben markante Stellen hervor und schaffen im harmonischen Zusammenspiel mit den Tonplatten viel wirkungsvollere Verkürzungen. Man vergleiche etwa das schöne gerundete Haupt Magdalenas mit den viel flächigeren Köpfen in dem Blatt Christus heilt die Aussätzigen. Niccolò entwickelt hier seinen reifen plastischen Stil weiter, der in etwa mit dem Holzschnitt Augustus und die Tiburtinische Sibylle einsetzt (Albertina, Inv. DG2002/525). Der auf dem hier besprochenen Clair-obscur nach dem Namen »Vicentino« folgende Buchstabe »·T·« hat zu verschiedenen Auslegungen geführt. Laut A. Bartsch ist er eine Abkürzung für »TRIDENTINUS« und verweist somit auf Trient als Heimatstadt des Formschneiders, wohingegen er laut A. Zanetti für »TAGLIÒ« (geschnitten) steht. J. D. Passavant möchte dagegen ein »F« erkennen, das für »fecit« stünde, doch ist der Buchstabe zweifelsfrei ein »T«. 

In der Albertina befinden sich weitere Exemplare dieses Holzschnitts: Inv. DG2002/432, Inv. DG1139.


Literatur: Zanetti 1837, S. 26, Nr. 29; Reichel 1926, S. 34; Copertini 1932, Bd. 2, S. 42; Servolini 1932, S. 66; Freedberg 1950, S. 181, Anm. 112; Wien 1963, Nr. 103; Popham 1969, S. 51; Trotter 1974, S. 36, 190ff.; Bora 1976, S. 55; Karpinski 1976, S. 23; Karpinski 1983, S. 85; Cremona 1985, Kat. 3.18 (Text v. F. Buonincontri); Gnann 2007, S. 188

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.64.23
  • Le Blanc IV.116.4
  • Passavant VI.213
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 218-219
  • Provenance
  • Mariette
  • Albertina

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/136175/madonna-mit-kind-und-heiligenImage Request
    Last edited19.01.2015

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