Madonna mit Kind und Heiligen
Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani)
um 1533-1540
Von den fünf signierten Clair-obscur-Holzschnitten Niccolò Vicentinos gehört die Madonna mit Kind und Heiligen zu den schönsten. Traditionell war man der Auffassung, das Blatt gehe auf eine Erfindung Parmigianinos zurück, was auch die Buchstaben »F. P.« am rechten unteren Rand glauben machen, welche die Initialen des Namens Francesco Parmigianino sind. Die Komposition erinnert tatsächlich stark an diesen Künstler, vor allem an dessen 1528/29 gemalte Muttergottes mit Kind und Heiligen in Bologna (Pinacoteca Nazionale di Bologna; Di Giampaolo 1991, Nr. 34), mit der sie die dichte Anordnung der Figuren, die graziösen, geschwungenen Bewegungen und einzelne Motive wie die kniende weibliche Heilige mit dem Drachen zu ihren Füßen verbindet. Erste Zweifel an der Bestimmung hegte jedoch bereits S. J. Freedberg (1950), dem zufolge zu dem Clair-obscur keine Vorzeichnung für das Bologneser Gemälde vorlag, sondern ein überarbeitetes, spezifisch für die Reproduktion im Holzschnitt geschaffenes Blatt. Freedberg zufolge müsse diese Zeichnung nicht notwendigerweise von der Hand Parmigianinos stammen. Tatsächlich geht die Idee nicht auf Parmigianino zurück, denn der Farbholzschnitt korrespondiert seiten- und annähernd maßgleich mit der Darstellung auf einem monochromen Ölbozzetto auf Papier in den Uffizien (Wien 2013, Abb. 58). Diese Ölstudie wurde zunächst Masteletta (Collobi Ragghianti 1954, S. 484) und später Parmigianino (Sricchia Santoro 1953, S. 61) zugeschrieben, bis sie A. E. Popham vorsichtig als ein Werk von Camillo Boccaccino bestimmte. Der Bozzetto bereitet eine heute verlorene Altartafel vor, welche die Familie Busti am 3. April 1533 bei Camillo Boccaccino für ihre Kapelle im Dom von Cremona in Auftrag gegeben hat (zu anderen Studien für das Bild vgl. Bora 1976, S. 54ff.; Cremona 1985, S. 276). Das Gemälde war 1535 soeben begonnen, befand sich aber noch beim Tod des Cremoneser Malers 1546 in dessen Wohnung und gelangte nie an seinen Bestimmungsort. Dargestellt waren neben der Muttergottes mit Kind auf der linken Seite die beiden Heiligen Martha und ihre Schwester Magdalena sowie im Hintergrund der hl. Antonius Abbas und auf der rechten Seite der hl. Jakobus und ein Engel. Als Niccolò in Besitz der Ölstudie oder einer heute nicht mehr erhaltenen Zeichnung Camillos mit einer nahezu identischen Darstellung gelangte, um diese als Farbholzschnitt wiederzugeben, dachte er offenbar, diese sei von der Hand Parmigianinos. Es ist auffällig, dass er nach Beendigung der Zusammenarbeit mit Parmigianino gegen 1530, als dieser in seine Heimatstadt Parma zurückkehrte, an Vorlagen zu kommen suchte, die dem Stil des Künstlers sehr nahestehen. Gegenüber Niccolòs Christus heilt die Aussätzigen und Anbetung der Könige (Albertina, Inv. DG2002/422 und Inv. DG2002/416), in denen die breiten und malerisch aufgelösten Farbflächen sich noch übereinanderlagern, die Figuren an die Fläche binden und die Linien der schwarzen Strichplatte die Formen cloisonnéartig einschließen, ist bei der Madonna mit Kind und Heiligen bereits eine stilistische Weiterentwicklung festzustellen. Die Bewegungen sind in diesem Blatt schwungvoller und dynamischer, die Linien der Strichplatten legen sich rundend um die Körper und modellieren diese kompakt heraus. Die Glanzlichter gleiten nicht mehr schlierenartig über die Oberfläche, sondern sind feiner und sparsamer eingesetzt, heben markante Stellen hervor und schaffen im harmonischen Zusammenspiel mit den Tonplatten viel wirkungsvollere Verkürzungen. Man vergleiche etwa das schöne gerundete Haupt Magdalenas mit den viel flächigeren Köpfen in dem Blatt Christus heilt die Aussätzigen. Niccolò entwickelt hier seinen reifen plastischen Stil weiter, der in etwa mit dem Holzschnitt Augustus und die Tiburtinische Sibylle einsetzt (Albertina, Inv. DG2002/525). Der auf dem hier besprochenen Clair-obscur nach dem Namen »Vicentino« folgende Buchstabe »·T·« hat zu verschiedenen Auslegungen geführt. Laut A. Bartsch ist er eine Abkürzung für »TRIDENTINUS« und verweist somit auf Trient als Heimatstadt des Formschneiders, wohingegen er laut A. Zanetti für »TAGLIÒ« (geschnitten) steht. J. D. Passavant möchte dagegen ein »F« erkennen, das für »fecit« stünde, doch ist der Buchstabe zweifelsfrei ein »T«.
In der Albertina befinden sich weitere Exemplare dieses Holzschnitts: Inv. DG2002/432, Inv. DG1139.
Literatur: Zanetti 1837, S. 26, Nr. 29; Reichel 1926, S. 34; Copertini 1932, Bd. 2, S. 42; Servolini 1932, S. 66; Freedberg 1950, S. 181, Anm. 112; Wien 1963, Nr. 103; Popham 1969, S. 51; Trotter 1974, S. 36, 190ff.; Bora 1976, S. 55; Karpinski 1976, S. 23; Karpinski 1983, S. 85; Cremona 1985, Kat. 3.18 (Text v. F. Buonincontri); Gnann 2007, S. 188
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/136175/madonna-mit-kind-und-heiligenImage Request