Jason
Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani)
um 1524-1530 (Neuauflage Andreani 1602-1610)
Die griechische Heldengestalt Jason hatte sich gemäß der Sage mit tapferen Begleitern auf einem schnellen Schiff, der Argo, nach Kolchis am Ostufer des Schwarzen Meeres begeben, um das fliegende und sprechende Fell des goldenen Widders Chrysomeles zu suchen. König Aietes versprach, es ihm auszuliefern, wenn er zwei Aufgaben erfülle. Eine davon war, feuerschnaubende, erzfüßige Stiere vor einen Pflug zu spannen. Im Hintergrund des Holzschnitts sind diese zu sehen, wie sie die Umgebung durch die aus ihren Nüstern lodernden Flammen in Brand setzen. Obgleich Jason die Bedingungen erfüllte, verweigerte ihm Aietes die Herausgabe des Goldenen Vlieses, das der Held schließlich mit Hilfe von dessen Tochter Medea, die sich in ihn verliebt hatte, raubte. Auf dem Clair-obscur wendet sich Jason mit der Beute im Arm und erhobenem Schwert an seine Gefährten, die Argonauten, die schon bereit sind, mit dem Schiff abzulegen. Die Vermutung von A. Bartsch, der Komposition liege ein Entwurf von Parmigianino zugrunde, ist gewiss zutreffend, wenngleich sich keinerlei Vorzeichnung des Künstlers erhalten hat. Parmigianesk ist, wie bei Jason die verschiedenen Bewegungsmomente des Heranschreitens, des sich Emporreckens und des Zeigens mit erhobenem Arm zu einer überaus schwungvollen Bewegung verschmelzen, wobei die Pose graziös überlängt und die Schritte leichtfüßig, geradezu tänzelnd anmuten. Die Haltung erinnert spiegelbildlich an die des Joseph von Arimathäa in der zweiten Fassung von Parmigianinos Radierung der Grablegung Christi (um 1524–1526; B. XV, S. 8, Nr. 5). Bezüge bestehen auch zu einer Göttergestalt in einer Zeichnung im British Museum mit einer mythologisch-allegorischen Darstellung (ca. 1524–1526; Gnann 2007, Kat. 299) sowie zu der Figur des Augustus in der bereits erwähnten Vorzeichnung im Louvre (Wien 2013, Abb. 49, http://arts-graphiques.louvre.fr/detail/oeuvres/4/8934-Auguste-et-la-Sibylle§) von 1529/30 für den Holzschnitt Augustus und die Tiburtinische Sibylle (Albertina, Inv. DG2002/527 und Inv. DG2002/525). Während A. Bartsch das Werk einem anonymem Formschneider gibt, bringen es A. Zanetti, E. Kolloff und A. Reichel mit Ugo da Carpi in Verbindung, ohne es diesem definitiv zuzuschreiben. E. Kolloff und A. Reichel geben zwar an, das Blatt komme auch in einem ersten Zustand ohne das Verlagszeichen Andreanis am linken unteren Rand vor, es ist dem Autor aber kein entsprechendes Exemplar bekannt geworden. Eine Zuschreibung an dieser Stelle basiert auf der alleinigen Kenntnis des zweiten Zustands, in dem die Platten bereits abgenutzt waren und vielleicht sogar überarbeitet wurden, und ist somit nur bedingt möglich. M. E. ist jedoch eine Urheberschaft von Ugo auszuschließen, dessen Figuren mit Hilfe von Farbe und Licht plastischer durchmodelliert sind, sich wirksamer vom Grund absetzen und in ihren Bewegungen bestimmter und artikulierter sind. Bei der Gestalt des Jason ist die Pose ähnlich wie bei den Figuren auf Blättern Niccolòs weich und biegsam und folgt der Vertikalen, ohne dass im Körper ein Schwerpunkt auszumachen wäre. Auch die breite, malerische Verteilung der Farben und die dünnen aufblitzenden Glanzlichter lassen an Blätter Niccolòs wie die Flucht der Cloelia (Albertina, Inv. DG2002/363) denken. Es existiert eine zweite, gleichseitige Fassung der Darstellung, die nur mit der schwarzen Linienplatte gedruckt ist (Albertina, Inv. DG2002/519). Die szenischen Elemente im Hintergrund sind aber nur teilweise lesbar, und somit war eine Vervollständigung der Komposition durch eine oder mehrere Tonplatten vorgesehen, was bereits A. Bartsch erkannt hat. Die Durchgestaltung der Figur des Jason ist detaillierter, weshalb die Zweitfassung keine Wiederholung des hier besprochenen Clair-obscurs sein kann, sondern unabhängig von diesem wohl nach der gleichen Zeichnung Parmigianinos entstanden sein muss. Der lineare Charakter der Durchführung sowie Eigenheiten der Strichführung mit ihren an- und abschwellenden, kraftvollen und gespannten Linien lassen an eine Arbeit von Antonio da Trento denken. Die Ausführung wirkt allerdings grober als in den gesicherten Arbeiten Antonios, was vielleicht an dem großen Format liegt. Es ist somit denkbar, dass Parmigianino wie im Falle von Augustus und der Tiburtinischen Sibylle sowohl Niccolò als auch Antonio die Zeichnung der Jason-Szene zur Verfügung stellte, um diese gemäß dem unterschiedlichen Stil der beiden Formschneider das eine Mal in einer malerischen und das andere Mal in einer graphisch-linearen Manier in Farbholzschnitten reproduzieren zu lassen.
Literatur: Zanetti 1837, S. 14 (Ugo da Carpi?); Kolloff 1878, S. 726f., Nr. 26 II (in der Art des Ugo da Carpi); Reichel 1926, Taf. 48 (anonym); Servolini 1932, S. 71; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 88 (Ugo da Carpi); Trotter 1974, S. 218f.; Karpinski 1983, S. 191; Gnann 2002, S. 293; Gnann 2007, S. 189f.
