Stehender Männerakt
Raffaello Santi
1507-1508
Raphael verwertete die Pose des männlichen Rückenaktes der Vorderseite (Inv. 117r) auch bei der Zeichnung auf der Rückseite, indem er sich an den durchscheinenden Linien orientierte. Er zeigt die Figur jedoch in Vorderansicht, vertauscht die Haltung der Arme und verändert die Stellung der Beine. Dadurch nähert sie sich der Haltung von Michelangelos "Marmordavid", den Raphael zu derselben Zeit auf einem Blatt im British Museum kopiert hat (Pouncey/Gere 1962, Nr. 15). Von diesem unterscheidet er sich allerdings in dem Motiv des in die Hüfte gestützten linken Armes. #Baccio Bandinelli hat häufig den "David" in seinen Figurenstudien verarbeitet (vgl. Forlani Tempesti 1989), was ein Grund für F. Wickhoff (1892) gewesen sein könnte, ihm das Albertinablatt zuzuschreiben, zumal sich auch gewisse Gemeinsamkeiten mit dessen Zeichenstil feststellen lassen. Baccio verwendet häufig kurze, schräg ansteigende Parallelschraffuren, die sich bei ihm in gleichmäßigen Streifen über den gesamten Körper ziehen, hart an die Kontur oder an die hellen Stellen des Blattgrundes stoßen und dadurch der Oberfläche eine skulpturale, marmorartige Wirkung geben. Ähnliche Schraffuren treffen wir bei Raphael, die aber in der Stärke des Strichs und in den Abständen viel stärker variieren, sich der Lage der Gliedmaßen anpassen und diesen Rundung geben, in den Umriss übergehen und sich mit den Linien der Binnenmodellierung organisch verbinden. Raphaels Akte bewegen sich daher im Unterschied zu denen Baccios viel natürlicher, harmonischer und sind von innen heraus belebt.
vgl. Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 15, S. 64.
