Figurenstudie
Bartolomeo della Porta gen. Fra Bartolomeo
um 1516
Fra Bartolomeos 1516 datierter und signierter "Salvator Mundi" in der Florentiner Galleria Palatina (Palazzo Pitti) war das Hauptbild in einer von #Piero Roselli errichteten Kapelle in der Santissima Annunziata in Florenz, die im Auftrag des Florentiner Kaufmanns und Bankiers #Salvatore Billi ausgeschmückt wurde. Zwei kleinere Seitenflügel mit den Propheten Jesaia und Hiob (heute Florenz, Accademia) flankierten das Hochaltarbild, das in der Mitte den auferstanden Heiland auf einem hohen Sockel zeigt, den die vier Evangelisten umgeben und zu dessen Füßen zwei Putten eine runde Scheibe mit einer Landschaft als Symbol für die Erde halten (AK Rotterdam u. a. 1990-1992, Abb. 207-209). Die in raschen Strichen in schwarzer Kreide und mit geringfügiger Weißhöhung gezeichnete Figur ist gewiss eine Studie zu dem Evangelisten Markus rechts im Bild, auch wenn man sie bisweilen als einen Entwurf für den in der "Mystischen Vermählung der heiligen Katharina von Siena" (heute Galleria Palatina) bezeichnet hat, zu dem die Albertina eine Modellstudie besitzt (Birke/Kertész III, 4875). In dieser Studie ist die Haltung der Figur zwar ähnlich, doch unterscheidet sich deren lockere Beweglichkeit, die sie durch gerundete, an den Gelenkstellen häufig absetzende Linien erhält, von der straffen Durchgestaltung unseres Heiligen mit langen übergreifenden Schraffuren, markanten Umrisslinien und einem kraftvoll den Körper durchziehenden Schwung. Das Auftreten ist nachdrücklicher, bestimmter und wirkt würdevoller, nicht zuletzt durch die voluminösen Stoffmassen des Mantels, dessen große Flächen nun nicht mehr durch kleinteilige Fältelungen zergliedert werden.
An der Verbindung unseres Blattes zum "Salvator Mundi" kann auch deswegen kein Zweifel bestehen, weil auch der Evangelist Lukas angedeutet ist, der in dem Gemälde hinter Markus steht, seinen Kopf zu diesem hinneigt und den linken Arm auf dessen Schulter legt. Zudem befindet sich in den Uffizien eine Studie zu dem heiligen Matthäus auf der linken Seite des Bildes (Petrioli Tofani 1991, S. 176, Nr. 405F.), die mit unserem Blatt stilistisch unmittelbar vergleichbar ist.
Bekanntlich besichtigte der Künstler im Jahre 1514 Rom, wo er Anregungen #Raphaels und #Michelangelos aufnahm, die ihn schließlich zur Ausbildung einer monumentaleren und klassischeren Figurensprache führten. Die Pose des heiligen Markus, die sich von der endgültigen Fassung im Gemälde durch die stärkere Verkürzung und Untersicht des Körpers und dem Haltemotiv des auf dem Oberschenkel aufgestützten Buches unterscheidet, dürfte von dem Propheten Jona in der linken Hälfte der oberen Zone der Chigi-Kapelle in Santa Maria della Pace inspiriert sein, die nach Vorzeichnungen Raphaels ausgeführt wurde. Lediglich die Kopfhaltung ist verändert. Der Wiener heilige Markus entstand in einem relativ späten Stadium des komplizierten Entwurfsprozesses des Bildes, in dem die Evangelisten anfänglich sitzend dargestellt, bzw. durch nackte, den Sockel umstehende Jünglinge mit Palmzweigen ersetzt werden sollten. Die Quadrierung auf dem Blatt diente wohl nicht zur Übertragung der Figur auf den Karton, sondern auf ein anderes Blatt zu ihrem nochmaligen genaueren Studium. Der Ausführung bereits wesentlich näher steht eine Vorzeichnung in den Uffizien (Petrioli Tofani 1991, S. 174, Nr. 400F.), auf der auch die Entwicklung von der gelösten und ungezwungenen Haltung auf dem Albertinablatt zu der massigen Schwere der säulenhaft aufragenden Evangelisten im Bild ablesbar wird. Es sind charaktervolle, energische Typen, die sich ihrer Mission auf Erden mit ganzer Kraft widmen und die möglicherweise von Raphaels neuem Apostelideal angeregt wurden, das dieser mit dem heiligen Paulus in der so genannten "Heiligen Cäcilie" in Bologna (Pinacoteca Nazionale) und mit den Aposteln in den Szenen der Wandteppiche für die Sixtinische Kapelle geschaffen hat. Vielleicht konnte der Frate Entwürfe zu einzelnen dieser Werke sehen, bevor er Rom noch im gleichen Jahre wieder verließ.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 37, S. 112.
