Schwebender Engel nach rechts
Bartolomeo della Porta gen. Fra Bartolomeo
1505-1507
Die Zeichnung wurde vermutlich im 16. Jahrhundert gemeinsam mit der Studie für die "Heilige Katharina von Siena" (Inv. 17596) auf ein gemeinsames Blatt geklebt, mit Federlinien umrahmt und in der Mitte des unteren Randes mit der Aufschrift "FRA BARTOLOMEO / PITTOR FIORENTINO" versehen. Man hat somit beide Blätter zu einer Verkündigung zusammengefügt (Abb. bei Venturi 1925, Bd. IX/I, S. 279, Abb. 192), wenngleich sie Entwürfe aus verschiedenen Zeiten für unterschiedliche Gemälde sind. Die Figuren blicken zudem aneinander vorbei und sind auch in der Köperauffassung nicht vergleichbar. Die Dominikanerheilige ließ sich recht einfach in eine Maria umdeuten, da der Helldunkelkontrast ihres schwarzweißen Ordensgewandes auf der Zeichnung nicht wiedergegeben ist. Es ist nicht auszuschließen, dass die willkürliche Kombinierung und heute nur noch teilweise erhaltene Rahmung von #Giorgio Vasari herrührt, der nach eigenem Bekunden viele Zeichnungen des Künstlers in seinem "Libro de´Disegni" aufbewahrte. Beide Albertina-Zeichnungen befanden sich im Besitz des berühmten Sammlers #Pierre-Jean Mariette, der nach Angaben von F. Basan (1775, S. 29, Nr. 178) u. a. acht Blätter mit verschiedenen in Rötel und schwarzer Kreide ausgeführte Kompositions- und Figurenstudien besaß, die aller aus der Sammlung Vasaris stammten. Die Rahmung und Beschriftung stammt jedenfalls nicht von Mariette, wie L. Collobi Ragghianti (1974, Bd. 1, S. 98) vermutet (sie bezweifelt die Vasari-Provenienz jedoch nicht), da dessen Sammlerstempel auf einem erst später am rechten Rand der Studie zur "Heiligen Katharina" angefügten Papierstreifen erscheint, auf dem die Federlinien der originalen Rahmung in anderer Tinte weitergeführt wurden. Die Trennung der beiden Blätter erfolgte nach dem Beginn der Inventarisierung der Albertina-Zeichnungen im Jahre 1895 und vor dem Erscheinen von F. Knapps Monographie über den Künstler 1903, der sie erstmals separat aufführt.
Die vorliegende Zeichnung ist eine Studie zu dem Engel im Vordergrund der "Erscheinung Mariens vor dem heiligen Bernhard", die sich heute in den Uffizien (Florenz) befindet. Nach vierjähriger freiwilliger Unterbrechung seiner malerischen Tätigkeit (er war 1500 als Novize in das Dominikanerkloster nach Prato gegangen), war dieses Bild das erste bedeutendere Werk, das der Künstler im Auftrag von #Bernardo del Bianco für dessen Familienkapelle in der Kirche der Badia in Florenz unter großen Mühen zwischen 1504 und 1507 gemalt hat (AK Florenz 1996, Nr. 18).
Für den herabschwebenden Engel wie ebenso für die meisten seiner Figurenstudien verwendete der Frater schwarze Kreide, die er mit Weiß höhte. Bei dieser Technik, die keine vergleichbare Feinheit in der Linienführung und Präzision in der Detailwiedergabe wie die Federzeichnung erreicht, kam es dem Künstler zumeist auf die Wiedegabe malerischer Effekte, auf das Festhalten eines Bewegungsmomentes und die Einbettung der Figur ins Atmosphärische an. Wunderschön kommt das Heranbrausen durch die Dynamik der Bewegung und den kräftigen Windzug zum Ausdruck, der die Falten hochwirbelt und in das Gewand hineinfährt, das in hellem Licht schillert und transparent den schlanken überlängten Körper durchscheinen lässt. Während lange schwungvolle Linien die Faltenzüge markant hervortreten lassen, verlieren die Formen ihre Schärfe in den verschatteten Partien, in denen die Kreidestriche verrieben, nicht mehr einzeln wahrnehmbar sind, aber auch im Licht, das nervös aufblitzt und bisweilen blendet. Der Künstler hüllt die Figur auf diese Weise in ein Sfumato, das an Zeichnungen seiner Vorbildes #Leonardo da Vinci erinnert. Zu dem Engel haben sich weitere Studien aus den beiden berühmten Fra Bartolomeo-Bänden in Rotterdam (Museum Boymans-van Beuningen) erhalten (AK Rotterdam u. a. 1990-1992, Abb. 67-69, Nr. 36). Sie zeigen, wie sorgfältig der Künstler in der Regel jedes Detail vorbereitet und häufig die Akteure einzeln, ohne Zusammenhang mit der sie umgebenden Gruppe studiert hat. Das Albertina-Blatt gehört noch nicht der spätesten Entwurfsphase an, da sich der Engel in den vor der Brust verschränkten Armen, dem in seiner Neigung korrigierten, herabblickenden Kopf und der straffen Schräghaltung, von dem ausgeführten Bild noch unterscheidet. Bekanntlich inspirierten die "Vision des heiligen Bernhard" zwei Gemälde gleicher Thematik von #Filippino Lippi (Florenz, Badia) und #Perugino (München, Alte Pinakothek), in denen die Muttergottes allerdings vor dem Heiligen auf der Erde steht (Knapp 1903, Abb. 22; Scarpellini 1984, Nr. 47), wohingegen sie sich bei Fra Bartolomeo von Engeln getragen von oben herabsenkt. Die Bewegung durchzieht ein nachdrücklicher Schwung, der Maria dem Heiligen sanft zuführt und der in dem jugendlichen Engel zu ihren Füßen weiterklingt. Diese bogenförmige Spannung des Körpers ist auf unserem Blatt noch nicht so ausgeprägt wie auf dem Bild und dem nahezu endgültigen Entwurf in Rotterdam, dessen Rückseite auch bereits Detailstudien zu dem Gewand des Engels zeigt (AK Rotterdam u. a. 1990-1992, Abb. 68-69).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 16, S. 66.
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