Michelangelo Buonarroti, Stehender männlicher Rückenakt, Inv. Nr.: 118r
Stehender männlicher Rückenakt
Michelangelo Buonarroti, Stehender männlicher Rückenakt, Inv. Nr.: 118r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Stehender männlicher Rückenakt

Michelangelo Buonarroti

um 1503




Künstler:in (Caprese 1475 - 1564 Rom)
Dateum 1503
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun über Spuren einer Vorzeichnung in schwarzer Kreide
Dimensions38,7 x 19,5 cm
Object number118r
Inscribedr.u. in Kreide "Buonarota"; r.o. von anderer Hand in Feder "3"; verso: r.u. in alter Hand mit schwarzer Kreide "C. P P Rub [...]"
Markingsl.u. Pierre-Jean Mariette (Lugt 2097); l.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Die schon im alten Inventar der Albertina als Werk Michelangelos geltende berühmte Zeichnung befand sich neben drei anderen Wiener Blättern des Meisters im Besitz von #Peter Paul Rubens. Der nach einem Modell gezeichnete stehende Rückenakt dokumentiert Michelangelos meisterhafte Modellierung des Körpers mit dicht aneinandergesetzten parallelen und sich überkreuzenden Federlinien. Sie verlaufen in leichten Schwüngen und Kurven, verbinden sich und lösen sich wieder und schmiegen sich dem kraftvoll herausgezeichneten Umriss an. Durch diesen komplexen Linienrhythmus vermag der Künstler nicht nur jede einzelne Muskelbewegung festzuhalten, sondern die Figur von innen heraus mit Energie zu beleben (#Raphael hat danach eine Kopie angefertigt, die in einer Nachzeichnung im Metropolitan Museum überliefert ist; Fischel 1913, Abb. 108).
Die noch jüngst von T. Pöpper geäußerten Zweifel an der Eigenhändigkeit sind angesichts der Nähe zu der von ihm akzeptierten Aktfigur im Louvre unbegründet. Die Art der Linienführung ist bei dieser Zeichnung dieselbe, wenngleich die Striche mehr die Einzelheiten analysieren und zögerlicher gesetzt sind. Bei dem Rückenakt sind sie dynamischer, unterstreichen stärker den Fluss der Bewegung und die Plastizität des Körpers, was für eine etwas spätere Entstehungszeit spricht. Abzulehnen ist  A. Perrigs Zuschreibung an #Benvenuto Cellini. Die Ähnlichkeit mit einer Serie von Silberstatuen olympischer Götter, die #König Franz I. im Jahr 1540 bei dem Bildhauer in Auftrag gab, ist oberflächlicher Natur. Zudem bestehen keinerlei Parallelen zu gesicherten Zeichnungen Cellinis, der seinen Figuren geschmeidigere Bewegungen verleiht, die Körper summarischer behandelt, das Anatomische weniger herausarbeitet und nie ein derart komplexes Strichsystem verwendet (vgl. die Blätter in München, Staatliche Graphische Sammlung, Inv.Nr. 2264, 2247, und Paris, Musée du Louvre, Inv. Nr. 2752).
Michelangelo hat dieselbe Aktfigur, allerdings in gegensinniger Haltung, auf einer Federzeichnung im Louvre wiedergegeben (Tolnay, Corpus, Bd. 1, Nr. 34). Häufig wird die Wiener Zeichnung mit den Projekten für die "Schlacht von Cascina" in Verbindung gebracht. M. Hirst schlug dagegen eine Entstehung kurz nach Michelangelos Rückkehr von Rom nach Florenz um 1501 vor, doch scheint dieses Datum angesichts der oben beschriebenen Unterschiede zu der Aktfigur im Louvre (Nr. 8r), die allgemein um 1501/02 datiert wird, zu früh angesetzt zu sein. Das Motiv taucht zwar nicht in identischer Weise in dem Schlachtenkarton (um 1504) auf, doch sind auf dem frühen Entwurf in den Uffizien (Nr. 15r) oder der Rückseite einer Rötelzeichnung im Louvre (Tolnay, Corpus, Bd. 1, Nr. 68v) Aktfiguren zu erkennen, die ebenfalls mit einem Arm in die Tiefe deuten. Diese eilen zwar, wohingegen die Wiener Aktfigur schreitet, doch ist zu bedenken, dass wohl anfängliche Ideen zu der Komposition verloren gegangen sind und sich die Entwurfsschritte nur unvollständig rekonstruieren lassen. Es kann sich jedenfalls nur um eine frühe Idee für die Darstellung handeln, da sich der Rückenakt aufgrund seiner kräftigen Konturierung und der flächigen Anlage von den Vorzeichnungen für die einzelnen Soldaten unterscheidet, in denen die Bewegungen organischer und fließender sind und durch schwungvolle Drehungen stärker in den Raum ausgreifen. Wie F. Hartt gesehen hat, steht der Wiener Akt auf der gleichen Stilstufe wie ein Rückenakt im Ashmolean Museum, der wahrscheinlich für eine nicht ausgeführte Nebenszene in der Kampfesdarstellung geplant war, in der ein Soldat einem zweiten beim Aufsteigen auf das Pferd hilft (Tolnay, Corpus, Bd. 1, Nr. 41).

Literatur: Köhler, 1907, S. 154, Abb. 90 (Recto); Brinckmann, 1925, Nr. 16 (Verso); Popp, 1925a, S. 74 (Verso; fraglich); Popp, 1925/26, S. 173 f. (Recto nicht von Michelangelo, Verso vielleicht mit Korrekturen von ihm); Stix und Fröhlich-Bum, 1932, S. 19 f.; Baumgart, 1937, S. 256, Abb. 43, 44 (Schüler Michelangelos); Berenson, 1938, Bd. 2, S. 214 f., Nr. 1603, Abb. 675; Tolnay, 1943–1960, Bd. 1, S. 280, 295, Abb. 285, Bd. 5, S. 163, Nr. 141, Abb. 98 (Kopie nach Michelangelo); Wilde, 1953, S. 14, unter Nr. 5, S. 104, unter Nr. 65; Dussler, 1959, Nrn. 360, 700, Abb. 33, 182; Goldscheider, 1966, Nr. 56 (Verso); Tolnay, 1968, S. 356, Abb. 32 (Verso); Hartt, 1971, Nrn. 38, 59; Tolnay, Corpus, Bd. 1, Nr. 22; Perrig, 1977, S. 26 ff., Tafeln 10, 16; Perrig, 1979, 46 ff., Abb. 17; Hirst, 1988, S. 33, 64 f., Tafel 119; Washington und Paris, 1988/89, Nr. 4, S. 165; Miller, 1990, S. 160, Abb. 17; Oberhuber, 1992, S. 39; Birke und Kertész, 1992–1997, Bd. 1, S. 64 f.; Hirst, 1993, S. 46, 89 f., Abb. 40, 119; Berti, 1996, S. 398, Abb. 32, 33; Perrig, in: Saarbrücken, 1997, unter Nr. 43, S. 155 ff., Abb. 1; Echinger- Maurach, 1998, S. 276, 303, Anm. 15, Abb. 4 (Verso); Joannides, 2003, S. 86 ff.; Acidini Luchinat, 2007, S. 68, Abb. S. 69 (Recto); T. Pöpper, in: Zöllner, Thoenes und Pöpper, 2007, S. 506, Abb. 16, S. 510, Abb. 25 (Michelangelo?)


Achim Gnann, in: Albertina, Wien (Hg.), Michelangelo. Zeichnungen eines Genies (Kat. Ausst. Albertina, Wien 2010/2011), Ostfildern 2010, Nr. 12.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 152
  • Stix 1932, 132
  • Birke/Kertész I
  • Bibliography
  • Braun 33, 34 - Mariette 1741, Nr. 9 (?)
  • Basan 1775, Nr. 236
  • Meder Taf. 11
  • Tolnay I, p. 280, Fig. 285 und V, p. 163, Nr. 141, Fig. 98
  • A.K. London 1948, Nr. 16
  • Popham/Wilde 1949, p. 262, Kommentar zu Nr. 439, 440
  • Wilde 1953, p. 14, Kommentar zu Nr. 5, p. 104, Kommentar zu Nr. 65
  • Dussler 1959, Nr. 360, 700, Fig. 33, 182
  • Berenson 1961, Nr. 1603, Fig. 540, 622
  • Benesch 1964, Nr. 21
  • K. Oberhuber, A Drawing by Raphael Mistakenly Attributed to Bandinelli, in: Master Drawings II, 1964, 4, p. 399, Fig. 1
  • Barocchi 1964, Kommentare zu Nr. 1, 121, 125, 173
  • Hartt 1971, Nr. 38, 59
  • A.K. Paris 1975, Nr. VI
  • H. Neugebauer, Der Rücken in der Kunst, in: Österreichische Ärtzezeitung 23, 1978, p. 1
  • Ames-Lewis 1981, p. 171, Taf. 177
  • A.K. Wien 1983, p. 98, Kommentar zu Nr. 30
  • A.K. Michelangelo Draftsman (bearb. v. M. Hirst), Washington( National Gallery) 1988, Nr. 4, Abb.
  • Birke 1991, p. 54, Abb. 57
  • Hirst 1993, S. 46, 89 f., Abb. 40, 119
  • Berti 1996, S. 398, Abb. 32, 33
  • A.K. Saarbrücken 1997, unter Nr. 43, S. 155 ff., Abb. 1 ( A. Perrig)
  • Joannides 2003, S. 86 ff.
  • A.K. Albertina/Venedig/Bilbao 2004/05, Nr. 4
  • Schröder 2008, Nr. 32 (A. Gnann)
  • A.K. Albertina 2010/11, Nr. 12 (A. Gnann)
  • Michelangelo Divine Draftsman & Designer, Ausst. Kat. Hg. Carmen C. Bambach, Metropolitan Museum of Art, New York 2017, Kat.. 41 (Recto)
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.39
  • AK Triumph of the Body, Michelangelo and sixteenth-century italian draughtsmanship, Museum of Fine Arts, Budapest 2019, Nr. 21 (Z. Kárpáti)
  • Michelangelo Leonardo Raphael, Florence, c. 1504, Ausst. Kat. bearb. v. Scotte Nethersole und Per Rumberg, Royal Academy of Arts, London, 2024-2025, S. 63, Fig. 27 Recto
  • Historical Attributions
  • traditionelle Zuschreibung, Wickhoff, Stix, Berenson, Thode, Wilde, Dussler (Rs.), Hartt (datiert Vs. 1504, Rs. 1505/06)
  • Michelangelo Buonarroti nach (Tolnay, Dussler (Vs.))
  • Provenance
  • Peter Paul Rubens
  • Pierre Crozat (?)
  • Pierre-Jean Mariette
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
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