Die drei Engel vor Abraham
Raffaello Santi
1516-1518
Modello für das Fresko im Gewölbe des vierten Jochs in den so genannten Loggien Raphaels (Dacos 1977, Taf. XXa). Diese Loggien befinden sich im zweiten Geschoß eines vierstöckigen Traktes, der dem vatikanischen Palast vorgelegt ist und dessen Bau von #Bramante begonnen und von Raphael fortgeführt wurde. Die Wände der aus dreizehn Jochen gebildeten Loggien sind mit Stuckierung und Grotesken in einem Stil all´antica ausgestaltet, der hier einen glanzvollen Höhepunkt erreicht hat. In den einzelnen Gewölbejochen befinden sich jeweils vier Fresken mit religiösen Szenen, auf die je ein Grisaillebild am Sockel Bezug nimmt. Sie sind bedeutenden Persönlichkeiten des Alten Testaments gewidmet, und nur im letzten Joch erscheinen Bilder aus dem Leben Christi. #Vasari lässt keinen Zweifel daran, dass die Entwürfe für die Ausgestaltung und für alle biblischen Szenen von Raphael selbst stammen, der wohl um 1516 mit den Planungen begann. Die Ausmalung war vermutlich bereits im Jahre 1517 im Gange, denn die erste Zahlung datiert vom 18. März 1518. Am 4. Mai 1519 wird bereits von der Fertigstellung berichtet (zusammenfassend Oberhuber 1972, S. 147 ff.). Die Ausführung der dekorativen Teile leitete #Giovanni da Udine, für die figürlichen Malereien übernahm #Giulio Romano die Verantwortung. Dabei sollen #Giovanni Francesco Penni, #Tommaso Vincidor, #Perino del Vaga, #Pellegrino da Modena, #Vincenzo Tamagni, #Polidoro da Caravaggio und viele andere mitgewirkt haben (Vasari, Bd. IV, S. 362 f.). Die Modelli für die biblischen Szenen, die einst als Meisterwerke Raphaels galten, hat man später den einzelnen Schülern - zumeist Perino del Vaga - zugeschrieben. Später hielt man sie für Werke von G. F. Penni, dem man alle Zeichnungen, die zu ausdrucksarm und lieblich für Raphael erschienen, zuwies. Im Zuge einer Neubewertung dieser Gruppe vor allem durch Gere (AK New York 1987, S. 17 ff.) und Oberhuber (Ferino Pagden 1989/90, S. 70; Oberhuber 1992, S. 24) werden sie nun nahezu alle wieder für Raphael beansprucht.
Wie in den anderen Entwürfen für die Loggienbilder ist das Ereignis sofort erfassbar und in völliger Klarheit wiedergegeben. Raphael hat sich dabei von einem frühchristlichen Fresko in San Paolo fuori le Mura anregen lassen (vgl. Dussler 1966, S. 99; Andrus-Walck 1986, S. 235 ff.). In geringem Abstand von der einfachen Holzhütte verneigt sich Abraham demütig vor den Engeln, die eilig, doch mit gebührendem Abstand vor ihn treten. Sara verbirgt sich unbeobachtet lauschend hinter der Tür. Im Hintergrund ist eine bergige Flusslandschaft nur mit knapp angedeuteten Linien zu sehen. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die vorderste Ebene, auf die Engel, die sich aus unterschiedlicher Richtung nähern. Jede Bewegung kommt in den der Haltung, der Stellung in der Gruppe und sogar in den sich bauschenden Falten zum Ausdruck. Es ist deutlich, dass der Mittlere die Ansprache übernimmt, wobei er in der antiken Pose des "Apoll vom Belvedere" gezeigt ist. In der Handbewegung des anderen Engels, der seinen Kopf fast mitleidig geneigt hat, ist ein gewisses Staunen zu verspüren, während der etwas abseits stehende Engel in aufrechter Haltung und strengeren Gesichtszügen sichtlich Gehör für seine auffordernde Worte verlangt. Dennoch bildet die Gruppe eine harmonische Einheit, die dieselbe Botschaft verkündet, was besonders schön an den drei gleichförmigen Schatten am Boden zum Ausdruck kommt. Die Gesten werden weitergeführt in den Linien der Hügel und in dem Fluss, so dass die Lebendigkeit dieser Gruppe in der üppigen Landschaft weiterwirkt. Die poetische Stimmung dieser Landschaft entsteht durch wenige Linien, ebenso wie das seelische Empfinden der Figuren in den nur knapp angedeuteten Gesichtern in ganzer Tiefe zum Ausdruck kommt. Trotz der Beschränkung auf einfachste Mittel und auf größtmögliche Überschaubarkeit, sind die Vielschichtigkeit der biblischen Szene und die Ungezwungenheit aller Handlungen offensichtlich. Wie sehr sich Zeichnungen Pennis von den Loggienentwürfen Raphaels unterscheiden, wird in den drei Penni zugeschriebenen historischen Szenen in Wien (Inv. 230, 231 und 232) deutlich. In dem "Einzug in eine Stadt" (Inv. 231) reihen sich die Figürchen mit ihren dekorativ flatternden Gewändern wie von unsichtbaren Fäden geführte Marionetten aneinander. Ihnen fehlt jedes inneres Leben, die Gesichter sind ausdruckslos und Penni überzieht die gesamte Szene mit einer feinteiligen Weißhöhung. Alles Verbindende, alles was bei Raphael von den Figuren auf den Raum ausströmt und von diesem zurückwirkt, vermag Penni nicht wiederzugeben
Die Ausführung der Szene im Fresko folgte recht genau dem Modello, wobei die Landschaft nun ausführlich geschildert ist. Das endgültige Format wurde aber erst später festgelegt, da das Fresko oben mit einem gebogenen Rahmen abschließt (zu weiteren Versionen und Kopien der Darstellung siehe Oberhuber 1972, Nr. 458).
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 95, S. 156.
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