Die Madonna mit dem Granatapfel
Raffaello Santi
um 1504
Rahmenaußenmaß 65 × 53,2 × 3,4 cm
Raphael erhielt seine erste künstlerische Ausbildung bei seinem Vater, dem gelehrten Maler #Giovanni Santi. Nach dessen Tod begab er sich in die Werkstatt von Perugino und trat ab 1500 mit ersten eigenständigen Werken in Città di Castello und Perugia hervor.
Die anmutige Madonna mit dem auf einer Steinbrüstung sitzenden Christuskind, das an die Samen eines angeschnittenen Granatapfels greift, ist eine der schönsten Zeichnungen aus dieser frühen umbrischen Periode des Künstlers. Ruhig und in frontaler Haltung steht die Muttergottes hinter ihrem Sohn, der sich lebendig auf dem Kissen bewegt, überrascht seine linke Hand ausstreckt und neugierig den Apfel betrachtet, der ein Symbol der Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit ist und dessen blutstropfenähnliche Kerne zugleich auf die Passion Christi hinweisen. Die linke Hand Mariens ruht schwer auf dem aufgeschlagenen Buch, und in ihrem Blick spiegelt sich neben mütterlicher Zuwendung eine stille Trauer, da sie um das Schicksal ihres Sohnes weiß. Die Zeichnung ist stilistisch eng mit der um 1504 datierten "Madonna Connestabile" in St. Petersburg (Eremitage) verbunden und dürfte etwa zur selben Zeit entstanden sein.
Raphael hat zunächst die Umrisse der Figuren durch knappe Linien festgelegt und modellierte schließlich die Formen durch rasch und mit größter Sicherheit auf das Blatt gesetzte Schraffuren heraus, die in unterschiedlichen Schräglagen je nach der beabsichtigten Lage und Verkürzung der Gliedmaßen verlaufen, sich an den gerundeten Partien krümmen und sich in den Schattenzonen zu kräftigen Kreuzlagen verdichten. Dabei nahm er beim Zeichnen noch verschiedene Korrekturen vor, wie bei dem Arm des Christuskindes, der ursprünglich quer über den Körper gelegt war. Auch die Lage des Buches auf der Brüstung hat er noch verändert. Der Künstler verwendet hier noch dieselbe Technik wie sein einstiger Lehrer #Perugino, der aber in ähnlichen Zeichnungen, wie dem Männerkopf in London (British Museum), die in sich geschlossenen Einzelformen vom Umraum absetzt, wohingegen die Madonna mit dem Granatapfel in einem luftigen und lichtdurchfluteten Raum steht. Die Linien beschränken sich nicht allein auf die Modellierung des Körpers, sondern führen den Blick weiter in die Tiefe des Landschaftshintergrundes.
Die berühmte Zeichnung diente vermutlich als Karton für ein heute nicht mehr erhaltenes Andachtsbild, auch wenn sich auf dem Blatt keinerlei Übertragungsspuren nachweisen lassen.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 44.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/25583/die-madonna-mit-dem-granatapfelImage Request