Maria Magdalena
Anonym
um 1475-1485
Die dramatische Figur der weinenden Maria Magdalena entstammt einer in mehreren Versionen überlieferten Beweinung Christi des Dirk Bouts d. Ä. aus den 1460er- Jahren. Als getreueste Fassung gilt diejenige in Frankfurt a. M. (Städel Museum, Inv. 1268; Abb.). In der Wiener Kopie bricht die knittrig gebrochene Draperie von Maria Magdalenas Mantel links in einer geraden Linie dort ab, wo sie in der Gemäldevorlage vom Bildrand überschnitten wird. Galt einst eine Beweinung der Bouts-Werkstatt im Louvre als Vorlage (Inv. RF1; Benesch, Keil; dagegen Schöne), erkannte Knab, dass die Figur der Maria Magdalena in einer dem Meister der Lucia-Legende zugeschriebenen Variante im Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid (Inv. 252.a-c), am nächsten steht. Dies bestätigt nun auch die Unterzeichnung der Madrider Beweinung, der zufolge Maria Magdalena ursprünglich ein Kopftuch wie in der vorliegenden Zeichnung trug.
Das disziplinierte Strichbild aus feinen, regelmäßigen Kreuzschraffen folgt noch Arbeiten aus dem Umkreis Rogier van der Weydens (1399 /1400 – 1464), doch entstand die Zeichnung aufgrund der Übereinstimmungen mit der um 1475 entstandenen Madrider Tafel wohl erst in den 1470er- oder 1480er-Jahren und zeugt vom langen Nachleben des rogieresken Zeichenstils bis ins späte 15. Jahrhundert.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 16, S. 36.
