Liegender Löwe (aus dem Silberstiftzeichenbuch der Niederländischen Reise)
Albrecht Dürer
1521
Dürer dokumentierte seinen fast einjährigen Aufenthalt in den Niederlanden in einem Reisetagebuch, aber auch auf zahlreichen Einzelblättern und in Skizzenbüchern, etwa dem später aufgelösten Silberstift-Skizzenbuch. Das Vorderseite des vorliegenden Blattes belegt mit der Darstellung eines Mädchens in Kölner Tracht Dürers lebenslanges Interesse an regionaltypischer Kleidung. Zu einem späteren Zeitpunkt ergänzte Dürer die Figur um ein Porträt seiner Frau Agnes und hielt schriftlich fest, dass das Bildnis im Juli 1521 auf dem Rhein bei Boppard, also offenbar auf der Rückreise nach Nürnberg, entstanden ist. Den Skizzenbuchcharakter des Blattes unterstreicht die Rückseite, die Dürer für die Wiedergabe eines Löwen nutzte, den er am 10. April 1521 im Tiergarten in Gent gesehen hatte. Dürer konzipierte das detailliert ausgearbeitete Doppelporträt erstaunlich bildhaft und schuf durch die Gegenüberstellung von Alt und Jung eine Art Vanitasmotiv.
Dürer documented his almost year-long stay in the Netherlands in a journal he kept of the trip as well as in numerous individual drawings and sketchbooks, including the now dispersed silverpoint sketchbook.
Recto: The drawing of a young girl wearing typical Cologne garments testifies to Dürer’s lifelong interest in local costumes. At a later point in time, he added a portrait of his wife Agnes and noted that it was drawn on the Rhine at Boppard, apparently during the return trip to Nuremberg, in July 1521.
The sketch-like character of the drawing is underscored by the reverse, which Dürer used to depict a lion he had seen at the zoological garden in Ghent. Dürer conceived the double portrait he worked out in detail in an astonishing pictorial manner, creating a kind of vanitas motif through the juxtaposition of young and old.
Das Silberstiftskizzenbuch, bequem in eine Tasche passend, führte Dürer während seiner Reisen und Aufenthalte in den Niederlanden 1520/21 ständig bei sich. Bei Seiten mit Doppelbildnissen entstand die linke Figur zuerst, später (oft an anderem Ort zu anderem Anlass) kam die hintere rechte Halbfigur dazu. Eine strikte chronologische Abfolge der Zeichnungen gab es nicht. Es waren künstlerische wie ästhetische Gründe, aus denen heraus Dürer die Seiten mit Naturaufnahmen ergänzte und kombinierte. Es liegt nahe, dass er zuerst die Vorderseiten des Skizzenbuches füllte. Platznot zwang ihn bald, auch die Rückseiten einzubeziehen. Die in Gent gefüllte Blattrückseite lässt sich auf den 10. April 1521 datieren. An diesem Tag erblickte der Künstler im dortigen fürstlichen Tiergarten erstmals lebende Löwen. "Darnach sahe ich die löben und conterfeyt einen mit den stefft", notierte er im Tagebuch. Das Tier faszinierte ihn so, dass er es auf einem zweiten Blatt des Silberstiftskizzenbuches in zwei abweichenden Ruhepositionen festhielt (Berlin, Kupferstichkabinett).
vgl. Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 174, S. 496-498.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/40502/liegender-lowe-aus-dem-silberstiftzeichenbuch-der-niederlanImage Request