Albert Rubens im Profil nach links, Inv. Nr.: 8268
Albert Rubens im Profil nach links
Albert Rubens im Profil nach links, Inv. Nr.: 8268
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Albert Rubens im Profil nach links

Peter Paul Rubens

um 1619 ?




Zugeschrieben an (Siegen 1577 - 1640 Antwerpen)
Dateum 1619 ?
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide, Rötel, Feder in Braun, braun und grau laviert
Dimensions22,8 x 20 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number8268
Inscribedr.u. "P P Rubens" (von fremder Hand)
Markingsr.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

In dem hier dargestellten vier- oder fünfjährigen Knaben wird heute allgemein Rubens’ erstgeborener Sohn Albert gesehen; er wurde am 5. Juni 1614 getauft und nach Erzherzog Albert, dem Statthalter der Südlichen Niederlande, benannt. (Laut Philip, dem Neffen des Künstlers, war der Erzherzog Rubens besonders zugetan.(1)) Albert teilte das Interesse seines Vaters für Antikenforschung und war Rubens besonders ans Herz gewachsen.(2) Außer dieser Bildnisstudie von Albert sind vier weitere bekannt, die von Rubens’ Hand stammen oder ihm – zumindest, was die erste Kreidevorzeichnung betrifft – zugeschrieben werden. Eine davon, die dem vorliegenden Blatt am nächsten kommt, befindet sich heute im Museum der Bildenden Künste in Budapest […]; wie das Wiener Blatt wurde auch diese Bildnisstudie mit Feder, Pinsel und Tinte überarbeitet.(3) Zwei weitere gezeichnete Porträts des jungen Albert – einmal von vorne gesehen, das andere Mal leicht nach links gewandt – werden in der Eremitage in St. Petersburg aufbewahrt; auch das letztgenannte weist eine entsprechende Überarbeitung auf.(4) Schließlich war eine gegenüber der Albertina-Zeichnung spiegelbildliche Profilansicht zuletzt in der Sammlung Ravaisson in Paris vermerkt.(5)

 

Zweifellos mag Rubens Albert wiederholt gezeichnet haben, doch hat er ihn wirklich zweimal auf so ähnliche Art und Weise dargestellt, wie die Blätter in Wien und Budapest dies nahelegen würden? Im Jahr 2003 waren beide Zeichnungen in München Seite an Seite ausgestellt, um einen direkten Vergleich zuzulassen, der nach Möglichkeit auch ergeben sollte, welches der beiden Blätter von Rubens stammt beziehungsweise ob er tatsächlich als Autor beider Porträts gelten kann.(6)  Die Fassung der Albertina scheint die weniger gelungene der beiden zu sein. Die das Gesicht modellierende Kreideschraffur ist nicht so zart wie auf der Zeichnung in Budapest; die Federstriche sind vor allem in der unteren Gesichtspartie gröber und schwerfälliger. Bedauerlicherweise wurden beide Blätter mit der Feder überarbeitet und dabei auch laviert, wodurch die darunter liegende Vorzeichnung in schwarzer Kreide großteils überdeckt wurde. Dies macht es schwierig zu beurteilen, ob sie in beiden Fällen von Rubens’ Hand stammt. Es könnten daher auch beide Blätter auf einem verlorenen Original Rubens’ beruhen. Da die Albertina-Zeichnung weniger fein ausgeführt ist, handelt es sich möglicherweise um eine zeitgenössische Kopie nach der Budapester Fassung.(7) Manche Autoren haben zwar die Federzeichnung und Lavierung des Albertina-Blattes als eigenhändig anerkannt, doch unserer Meinung nach stammen diese Überarbeitungen aus späterer Zeit. Gleiches gilt für die Zeichnung in Budapest.(8) (Nach dem Alter des Kindes zu schließen, werden beide Fassungen um 1619 datiert.) Die Federzeichnung und die Lavierung heben nicht etwa die darunter liegende Kreidezeichnung hervor, sondern verleihen der Porträtstudie einen bildhafteren, malerischen Charakter. Rubens hat die ursprüngliche Bildnisstudie höchstwahrscheinlich mit schwarzer Kreide und Rötel gezeichnet, ganz wie auf dem bekannten Porträt seines Sohnes Nicolaas mit Korallenschnur, das sich ebenfalls in der Albertina befindet [Inv. 17650].

 

Rubens hat die Bildnisstudie Alberts für den Kopf des jungen Johannes des Täufers rechts unten auf dem Gemälde Maria mit Kind und Johannesknaben (Gemäldegalerie Alte Meister, Kassel) verwendet.(9) Für den Kopf des Jesusknaben auf demselben Altarbild hat er sich auf die oben erwähnte Porträtstudie von Nicolaas bezogen. Eine weitere Studie, die wahrscheinlich ebenfalls Albert darstellt, diente Rubens für den Körper des Jesusknaben [Inv. 17639]. Auch dieses Blatt wird heute in der Albertina aufbewahrt.

 

(Der Text wurde gegenüber dem Katalog 2004 gekürzt. Die entsprechenden Auslassungen sind durch [...] anzeigt.)

Peter Paul Rubens, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder und Heinz Widauer, 2004, Abb. 78, S. 340-342.



(1) Lind 1946, S. 39.

(2) In einem Brief vom 29. Dezember 1628 aus Madrid an Jan Caspar Gevaerts, einen Antwerpener Humanisten, den Rubens als Vormund seiner Kinder einsetzte, wenn er in diplomatischer Mission unterwegs war, bringt der Künstler seine Liebe zu Albert zum Ausdruck und nennt ihn »mein anderes Selbst« (Magurn 1955, S. 295, Brief 181).

(3) Die Zeichnung in Budapest ist abgebildet in: Wien 1977, S. 74 (schwarze Kreide, Rötel, Feder in Braun, braun laviert; 24,6 x 20,2 cm; Inv. 1745; aus der Sammlung Nikolaus Esterházy). Im Bulletin des Szépmûvészeti Múzeum (1997/2002) publiziert Teréz Gerszi sie als ursprüngliche Fassung. Leider war es nicht möglich, die beiden Zeichnungen mittels Infrarotreflektografie zu untersuchen, um den Anteil der darunter liegenden Kreidezeichnung festzustellen.

(4) Glück und Haberditzl 1928, Nr. 105, Taf. 105 (schwarze Kreide und Rötel, überarbeitet mit Feder und brauner Tinte; 30,0 x 20,5 cm; Inv. 5455; aus der Sammlung Kobentzl; Kuznetsov 1984, Nr. 11, mit Abb.); sowie Nr. 118, Taf. 118 (schwarze Kreide und Rötel, mit Feder und brauner Tinte sowie graubrauner Lavierung überarbeitet; 21,0 x 18,5 cm; aus der Sammlung Kobentzl; Inv. 5426; Kuznetsov 1984, Nr. 12, mit Abb.).

(5) Rooses, Nr. 1522, als Nicolaas Rubens (?) im Profil nach rechts. Feder und schwarze Kreide; 25,0 x 19,0 cm.

(6) Bei der Ausstellung in der Alten Pinakothek in München, Isabella Rubens, stand van Dycks Gemälde von Isabella Brant aus der National Gallery of Art, Washington, im Zentrum (17. Oktober 2003–18. Januar 2004; ohne Katalog; zu Rubens’ Zeichnung von Isabella Brant im British Museum siehe Kat. 80).

(7) Erstmals geäußert 1977 (Logan 1977, S. 406, Nr. 31) und bestätigt anlässlich der Prüfung der beiden Blätter in der Ausstellung in München. Siehe auch Erwin Mitsch in: Wien 1977, S. 72.

(8) Die hier vertretene Ansicht wurde zuerst 1928 von Glück und Haberditzl geäußert. Später schloss sich ihr Justus Müller Hofstede an (1962, S. 134, Nr. 98). Julius Held (1959, 1986) und Otto Benesch (1957, S. 28, Anm. 9) akzeptieren die Zeichnung zur Gänze als Original Rubens’.

(9) Jaffé 1989, Nr. 541, 1619/20; KdK 129, 1615–1617. Dasselbe Kind erscheint auf Rubens’ Madonna im Blumenkranz von um 1616–1618 in München, einer Gemeinschaftsarbeit mit Jan Brueghel d. Ä. (Jaffé 1989, Nr. 548, um 1620) und auf der Trunkenheit des Silen von um 1618 in jenem Teil des Gemäldes, den Rubens 1625 hinzugefügt hat (Jaffé 1989, Nr. 428, 1616/17). Siehe Renger 2002, S. 336, Nr. 331 bzw. S. 368, Nr. 319.

Catalogue raisonné
  • Rooses 1886-1892, 1521
  • Glück/Haberditzl 1928, 117 (um 1619)
  • AK Albertina 1977, Nr. 31, Abb.
  • Bibliography
  • Schönbrunner/Meder 1896-1908, 2, Nr.138, Abb.
  • Benesch 1957, S. 28, Anm. 9
  • Held 1958, bei Nr. 98
  • Burchard/d'Hulst 1963, S. 198, unter Nr. 126
  • Held 1986, S. 124, unter Nr. 144
  • Retretti 1991, S. 88, Abb.
  • Renger 2002, S. 374, unter Nr. 319
  • Gerszi 2005, S. 254-256
  • A.K. Peter Paul Rubens, hg. Von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien 2004, Nr. 78, Abb. (A.-M. Logan)
  • AK Brüssel 2007, Kat. Nr. 54, S. 180
  • Provenance
  • Herzog Albert von Sachsen Teschen (Lugt 174)
  • Online resources
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    Last edited23.11.2021