Peter Paul Rubens, Hockendes Mädchen, Inv. Nr.: 8295
Hockendes Mädchen
Peter Paul Rubens, Hockendes Mädchen, Inv. Nr.: 8295
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Hockendes Mädchen

Peter Paul Rubens

um 1617/18




Künstler:in (Siegen 1577 - 1640 Antwerpen)
Dateum 1617/18
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide, mit weißer Kreide gehöht, auf bräunlichem Papier
Dimensions37,5 x 26,9 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number8295
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Ob Prinzessin oder Bauernmädchen – Stift und Pinsel des Künstlers kennen keine Standesunterschiede. Egal ob das junge Mädchen eine Perlenkette bestaunt, die durch ihre Hände gleitet, oder ob es sich dem Kuhmelken widmet, Rubens verstand es großartig, seinen Figuren Natürlichkeit und Anmut zu verleihen. Für diese Studie stand vermutlich eine junge Frau aus seiner Umgebung Modell. Der Betrachter ist neugierig, wie das Mädchen mit kunstvoll geflochtenem Haar wirklich ausgesehen haben mag. Vielleicht ist er sogar irritiert: Warum hat Rubens ein Mädchen, dass sich vom Betrachter abwendet, so prominent und blattfüllend gezeichnet? Erst der Bildkontext gibt die Absicht des Künstlers zu erkennen–auf zwei Gemälden hat Rubens diese Figurenstudie in die Malerei übertragen: In der Szene Achill unter den Töchtern des Lykomedes (1616–1618; Madrid, Museo Nacional del Prado, Inv. Nr. 1661) ist das Mädchen eine der Prinzessinnen, mit denen Achill als Mädchen verkleidet am Hof des Lykomedes von Skyros lebt; in einer Polderlandschaft (um 1618; München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Inv.Nr. 322) tritt es als Kuhhirtin auf.

Sicherlich galt die vorliegende Studie zunächst dem Motiv auf dem Madrider Bild. Der heutige Zustand des Blattes täuscht darüber hinweg, dass es einmal beschnitten wurde; links oben befand sich vermutlich eine weitere Figur, die man zu einem unbekannten Zeitpunkt entlang des Rückens und des Kopfes der sichtbaren Studie wegschnitt. Mit zarten Strichen deutete Rubens die Arme und Hände und die Perlenkette auf dem Studienblatt an. Indem sich das Mädchen in den Bildhintergrund wendet, weist ihm Rubens die Rolle des Repoussoirs zu – die Figur führt den Blick des Betrachters in das Bild hinein und lenkt ihn auf das Zentrum des Geschehens. Dort erliegt Achill einer List des als Kaufmann verkleideten Odysseus. Letzterer ist mit Frauenkleidern getarnt, zückt aber ein Schwert, anstatt sich für die Juwelen und Perlen zu interessieren. Der von seiner Mutter Thetis als Kind am Hof von Skyros versteckte und inzwischen zum jungen Mann herangewachsene Achill muss nun nach seiner Entlarvung durch Odysseus in den Trojanischen Krieg ziehen.

Während Rubens zur Ausführung seiner Gemälde mitunter Gehilfen betraute, ließ er es sich nie nehmen, die Figuren selbst zu konzipieren. Er legte sich einen Fundus von nach Motiven geordneten Modellstudien an, um gelegentlich, wie im Fall dieser Zeichnung und der Münchner Polderlandschaft, auf Vorhandenes zurückgreifen zu können.


Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 107, S. 222.

Catalogue raisonné
  • Rooses 1886-1892, 1430, Pl. 407
  • Glück/Haberditzl 1928, Nr. 108
  • AK Albertina 1977, Nr. 26, Abb.
  • Bibliography
  • Michel 1900, Abb. S. 72
  • Schönbrunner/Meder 1896-1908, 2, Nr.171, Abb.
  • Haberditzl 1912, S. 3
  • Leporini 1923, Nr. 3
  • Glück 1940b, S. 18, Abb. 5
  • Benesch 1957, Abb. 21 (irrtümlich als "Studie zur Anbetung der Hirten" in Marseille bezeichnet)
  • Held 1959, Nr. 90, Taf. 99, S. 6, 29, 73 sowie unter Nr. 75, 88
  • Burchard/d’Hulst 1963, Nr. 99
  • Kuznetsov 1974, Nr. 76 (um 1615/17)
  • Held 1986, Nr. 134
  • Jaffé 1989, Nr. 370, um 1616
  • A.K. Peter Paul Rubens, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien 2004, Nr. 56 (A.-M. Logan)
  • El joven Van Dyck, Ausst.-Kat. hrsg. v. Alejandro Vergary und Friso Lammertse, Madrid, Museo Nacional del Prado 2012, S. 242, Abb. 86
  • AK Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Nr. 107.
  • Provenance
  • Herzog Albert von Sachsen Teschen (Lugt 174)
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29163/hockendes-madchenImage Request
    Last edited23.11.2021

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