Hockendes Mädchen
Peter Paul Rubens
um 1617/18
Ob Prinzessin oder Bauernmädchen – Stift und Pinsel des Künstlers kennen keine Standesunterschiede. Egal ob das junge Mädchen eine Perlenkette bestaunt, die durch ihre Hände gleitet, oder ob es sich dem Kuhmelken widmet, Rubens verstand es großartig, seinen Figuren Natürlichkeit und Anmut zu verleihen. Für diese Studie stand vermutlich eine junge Frau aus seiner Umgebung Modell. Der Betrachter ist neugierig, wie das Mädchen mit kunstvoll geflochtenem Haar wirklich ausgesehen haben mag. Vielleicht ist er sogar irritiert: Warum hat Rubens ein Mädchen, dass sich vom Betrachter abwendet, so prominent und blattfüllend gezeichnet? Erst der Bildkontext gibt die Absicht des Künstlers zu erkennen–auf zwei Gemälden hat Rubens diese Figurenstudie in die Malerei übertragen: In der Szene Achill unter den Töchtern des Lykomedes (1616–1618; Madrid, Museo Nacional del Prado, Inv. Nr. 1661) ist das Mädchen eine der Prinzessinnen, mit denen Achill als Mädchen verkleidet am Hof des Lykomedes von Skyros lebt; in einer Polderlandschaft (um 1618; München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Inv.Nr. 322) tritt es als Kuhhirtin auf.
Sicherlich galt die vorliegende Studie zunächst dem Motiv auf dem Madrider Bild. Der heutige Zustand des Blattes täuscht darüber hinweg, dass es einmal beschnitten wurde; links oben befand sich vermutlich eine weitere Figur, die man zu einem unbekannten Zeitpunkt entlang des Rückens und des Kopfes der sichtbaren Studie wegschnitt. Mit zarten Strichen deutete Rubens die Arme und Hände und die Perlenkette auf dem Studienblatt an. Indem sich das Mädchen in den Bildhintergrund wendet, weist ihm Rubens die Rolle des Repoussoirs zu – die Figur führt den Blick des Betrachters in das Bild hinein und lenkt ihn auf das Zentrum des Geschehens. Dort erliegt Achill einer List des als Kaufmann verkleideten Odysseus. Letzterer ist mit Frauenkleidern getarnt, zückt aber ein Schwert, anstatt sich für die Juwelen und Perlen zu interessieren. Der von seiner Mutter Thetis als Kind am Hof von Skyros versteckte und inzwischen zum jungen Mann herangewachsene Achill muss nun nach seiner Entlarvung durch Odysseus in den Trojanischen Krieg ziehen.
Während Rubens zur Ausführung seiner Gemälde mitunter Gehilfen betraute, ließ er es sich nie nehmen, die Figuren selbst zu konzipieren. Er legte sich einen Fundus von nach Motiven geordneten Modellstudien an, um gelegentlich, wie im Fall dieser Zeichnung und der Münchner Polderlandschaft, auf Vorhandenes zurückgreifen zu können.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 107, S. 222.
