Studienblatt mit Köpfen und gefalteten Händen
Peter Paul Rubens
um 1610
In Gestik und Mimik von Figuren verdichtet sich die Bildmitteilung eines Altarwerks mitunter am stärksten. Kein Wunder, dass Rubens seine ganze Aufmerksamkeit vor allem den Händen und Gesichtern seiner Figuren schenkte. Sorgfältig zeichnete er sie auf Papier vor. Die Übertragung auf die Leinwand oder auf das Tafelbild schien ihm dann gar nicht mehr so wichtig; er überließ sie mitunter einem Gehilfen, der sich streng an die gezeichnete Vorlage zu halten hatte.
Empathie, Ergriffenheit und Verbundenheit in gemeinsamer Trauer – dies alles sollte sich auch in den Händen einer Figurengruppe wiederfinden, die Rubens um 1610 auf der Innenseite des linken Seitenflügels eines monumentalen Triptychons für den Hochaltar der Sint-Walburgiskerk gemalt hat. Das Altarwerk, dessen Mitteltafel die Aufrichtung des Kreuzes zeigt, befindet sich heute in der Antwerpener Kathedrale.
Auf dem linken Innenflügel beklagen die Mutter Jesu und Johannes die Kreuzigung des Gottessohnes; der Apostel Johannes hält schützend seine Hand über jene der Muttergottes – die vorbereitende Studie ihrer gefalteten Hände hat sich auf der vorliegenden Zeichnung der Albertina erhalten. Zweimal setzte Rubens auf dem Blatt an; er zeichnete die gefalteten Hände einmal mehr von vorne, das andere Mal mehr von oben; jedes Mal arbeitete er sorgfältig die Helldunkelverhältnisse heraus und befand schließlich das zuletzt genannte Händepaar als geeigneter für das Altarbild. Dort gibt es der Tafel einen wichtigen Akzent, indem es gerade wegen seiner sanften Geste ein Gegengewicht zu den beredten Händen der Figuren im Vordergrund bildet.
Auf der gezeichneten Studie scheinen die Händepaare einen sinnvollen unteren Abschluss zu bilden, so als ob sie mit der Kopfstudie eines Mannes mit Halskrause in Form eines imaginären Porträtbildnisses verbunden wären. Auch lässt die ölige schwarze Kreide die Händepaare mehr aus dem Fond des Studienblattes heraustreten. Der mit trockener Kreide gezeichnete Männerkopf und das Profil eines weiblichen Kopfes bleiben demgegenüber etwas zurück. Der Frauenkopf wird mitunter mit einer weiblichen Figur auf dem linken Seitenflügel in Verbindung gebracht; mit der Kopfstudie des Mannes assoziierte man Rubens’ Zeitgenossen Jan Brueghel d. Ä. (1568–1625), mit dem er manchmal zusammenarbeitete.
Im Juni 1610 erhielt Rubens seinen ersten wichtigen kirchlichen Auftrag in Antwerpen: das Triptychon mit einer Aufrichtung des Kreuzes für den Hochaltar der Walburgiskirche (heute in der Antwerpener Kathedrale […]).(1) Cornelis van der Geest (1555–1638), ein reicher Gewürzhändler und einer der Kirchenältesten, hatte entscheidenden Anteil daran, dass Rubens diesen Auftrag erhielt. Da das Altarbild ungewöhnlich groß war, hat Rubens es direkt in der Kirche gemalt und das Werk innerhalb eines Jahres fertig gestellt. Die Aufrichtung des Kreuzes erscheint auf der Mitteltafel des Triptychons. Auf dem linken Flügel sind die Jungfrau Maria und der heilige Johannes sowie eine Gruppe trauernder Frauen zu sehen, die bei der Kreuzigung zugegen waren, während der rechte Flügel die beiden Schächer zeigt, von denen einer bereits ans Kreuz genagelt wurde, während die Kreuzigung des anderen noch vorbereitet wird.
Rubens dürfte dieses wichtige Triptychon, auf dem leicht fünfundzwanzig Figuren zu erkennen sind, mit zahlreichen Studien vorbereitet haben, doch sind heute nur noch fünf Zeichnungen bekannt: vier Figurenstudien für die Mitteltafel sowie ein Skizzenblatt mit Köpfen und Händen, das sich zum Teil auf den linken Flügel bezieht. […]
Alle Figurenstudien für die Mitteltafel basieren auf der heute im Pariser Louvre aufbewahrten Ölskizze […].(2) Der Künstler muss dieses modello, mit dem die Zustimmung der kirchlichen Auftraggeber gewonnen werden sollte, wohl vor Abschluss des offiziellen Vertrages im Juni des Jahres 1610 gemalt haben. Meist begann Rubens mit den Studien zu Einzelfiguren, wenn die Körperhaltung der Protagonisten des Triptychons endgültig festgelegt werden musste. Ein- oder zweimal ist es allerdings auch vorgekommen, dass er diese detaillierten Figurenstudien erst zeichnete, als er bereits am Gemälde selbst arbeitete.
[…]
[Beim der vorliegenden Zeichnung handelt es sich um] ein Blatt mit Studien zweier Paare gefalteter Hände und zweier Köpfe [...]. Die Handstudien dienten der Vorbereitung für die Darstellung der Hände der Heiligen Jungfrau auf dem linken Innenflügel des Altarbildes.(3) Offenbar hat Rubens sie nach der Natur gezeichnet, da das untere Paar auf einer Oberfläche ruht und einen Schatten zu werfen scheint. Rubens entschied sich für das Händepaar auf der linken Seite. Diese Zeichnung beweist, wie sorgsam der Maler selbst relativ kleine Details bedachte und dass er mehrere Skizzen anfertigte, um eine möglichst natürlich wirkende Haltung zu finden.
Die schwarze Kreide, mit der Rubens diese Hände gezeichnet hat, war öliger als die graue, trockenere Kreide, die er für die Kopfstudien benutzt hat, was darauf hindeutet, dass die einzelnen Studien auf diesem Blatt nicht zur selben Zeit entstanden sind. Rubens dürfte den Kopf des bärtigen Mannes mit Halskrause zuerst gezeichnet haben, da der Frauenkopf und die Hände die durch ihn vorgegebenen Begrenzungen respektieren; zuletzt folgte das untere Händepaar. Das Blatt ist zerschnitten worden, wodurch die Köpfe von den Händen getrennt wurden, später hat man es aber wieder zusammengesetzt. Nachdem Rubens schließlich das untere Händepaar gezeichnet hatte, hat er mit derselben öligen Kreide den Frauenkopf darüber noch durch ein paar Akzente betont und links das Profil noch einmal nachgezogen.(4) Der Kopf der Frau wurde mit der jungen, den Betrachter anblickenden Frau auf dem linken Innenflügel des Triptychons in Verbindung gebracht.(5) Vom Typus her besteht auch ein Bezug zwischen dem vollen Gesicht und dem Kopf der Mutter am unteren Bildrand derselben Tafel. Die Halskrause des Bärtigen kennzeichnet den Mann als zeitgenössischen Künstler, und man hat angenommen, dass es sich bei ihm um Cornelius van der Geest handelt,(6) doch ist die Ähnlichkeit nicht allzu groß. Jan Brueghel der Ältere (1568–1625), der von Rubens auf einem um 1612/13 entstandenen Familienbildnis porträtiert wurde,(7) käme daher eher in Frage.
(1) Jaffé 1989, Nr. 135A, 1610; KdK 36; Judson 2000, Nr. 20, Abb. 61, 63, 64, 68, 75, 76. Auf der Außenseite des linken Flügels stellte Rubens die hl. Walburga und den hl. Amandus dar, auf dem rechten die hl. Katharina und den hl. Elegius (siehe Judson, Nr. 21, 22, Abb. 81, 82).
(2) Held 1980, Nr. 345, Abb. 343; Jaffé 1989, Nr. 131, um 1610.
(3) Jaffé, Nr. 135B, 1610; KdK 36.
(4) Vor allem oben, wo zwischen den beiden Köpfen Striche sichtbar sind, die zu einer anderen Darstellung gehörten, wurde das Blatt beschnitten.
(5) Baudouin 1992, S. 83.
(6) Held 1986, S. 91, Nr. 56.
(7) Seilern 1955, Nr. 18.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29174/studienblatt-mit-kopfen-und-gefalteten-handenImage Request