Die Kreuzigung Petri
Anthonis van Dyck
um 1620
Das Neue Testament schweigt zum Ende des Apostelfürsten, und erst in den im 2. Jahrhundert aufgezeichneten Petrusakten findet sich die Überlieferung, dass Petrus auf eigenen Wunsch mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden sei. Van Dycks bildliche Auslegung nutzte den dramatischen Moment für eine Inszenierung höchsten Affekts: Das Kreuz mit dem kopfüber fixierten Apostel wird von kräftigen Männern emporgestemmt, die sich ihre schändliche Tat mit Zugseilen und einer unter den Kreuzbalken geklemmten Leiter zu erleichtern suchen. So sehr sind die Henkersknechte vom Vollzug des Todesurteils beansprucht, dass außer dem nur angedeuten Antlitz des Petrus in kein Gesicht zu sehen ist. Alle Figuren sind zum Zerreißen gespannt und die Schergen in ekstatische Rage geraten; die Dramatik der Szene unterstützt der Künstler durch die Reduktion von Konturen und Binnenformen sowie das expressive Helldunkel. Gänzlich abstrahiert ist der Leib des Gekreuzigten, doch präzisiert seinen geschundenen Körper eine Einzelstudie, die den anhebenden Schergen mit abwärts gerichtetem Blick zeigt (ehem. Kunsthalle Bremen, Kupferstichkabinett, Inv. 1877; Vey 1962, Nr. 20, mit Abb. 25). Ein gleich orientierter, nun aber unbärtiger Kopf auf der Rückseite des Wiener Blattes (Inv. 8635v) zeugt vom tastenden Suchen des Künstlers bis zur endgültigen Bildfindung.
Anregungen für die Komposition waren dank einer langen Traditionslinie mannigfaltig zu beziehen. So gehörten gerade Seil und Leiter dies- wie jenseits der Alpen zu den Requisiten fast jeder Hinrichtung am Kreuz. Unübersehbar sind die Gemeinsamkeiten mit Rubens’ 1610 vollendeter Kreuzaufrichtung Christi in Antwerpen (Kathedrale): Den Schergen am Kreuzstamm und den am Seil ziehenden hat Van Dyck, wenn auch spiegelverkehrt, genau übernommen. Seinerseits verarbeitete Rubens aus Italien mitgebrachte Eindrücke Caravaggios und von dessen Nachfolgern. Dass ein solcher römischer Entwurf in Antwerpener Ateliers kursierte, legt Rubens mit der um 1620 für die Decke der dortigen Jesuitenkirche entworfene Kreuzaufrichtung Christi nahe (Paris, Musée du Louvre, Inv. MI 964), die viele Gemeinsamkeiten mit Van Dycks Entwurf offenbart, aber in der Nahansichtigkeit ihrer dicht gedrängten Figuren und der noch kühneren Perspektive ihre italienische Abstammung geräuschvoll verrät. So erhielt Van Dyck noch vor seinem unmittelbaren Italienerlebnis seine erste Lektion im dramatischen Parlando.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 123, S. 252.
