Mutterschaft
Marc Chagall
1914
Rahmenaußenmaß 64,3 × 52,7 × 5,5 cm
Marc Chagall ist in sehr bescheidenen Verhältnissen in der weißrussischen Kleinstadt Witebsk aufgewachsen. Nachdem er sich an verschiedenen Kunstschulen in St. Petersburg zum Maler ausgebildet hatte, setzte er sich 1910 nach Paris ab, wo er sich im Künstlerviertel Montparnasse ein Wohnatelier mietete. Während der vier Jahre seines ersten Paris-Aufenthalts freundete er sich zwar mit vielen gleichaltrigen Kollegen an, ohne sich aber einem bestimmten Stil oder einer bestimmten Gruppe anzuschließen. Wie Chaim Soutine oder Amedeo Modigliani, die zu seinen engsten Freunden zählten, blieb Chagall sein Leben lang ein Einzelgänger, der seine Herkunft aus der fernen russischen Provinz ebenso wenig zu verleugnen suchte wie den streng jüdischen Glauben, in dem er erzogen worden war. Obschon das vorliegende Bild in verschiedener Hinsicht ausgesprochen russisch anmutet - man beachte nur das Muster des Vorhangs rechts -, muss es Anfang 1914 in Paris entstanden sein, kurz vor Chagalls Rückkehr in die Heimat.1 Eine leicht bekleidete junge Frau hebt ein Kleinkind aus der Wiege, um es an ihre Brust zu legen. Wie bereits der Bildtitel Maternité zum Ausdruck bringt, geht es jedoch nicht einfach um die Darstellung eines alltäglichen Rituals im Leben von Mutter und Kind, sondern um das Thema der Mutterschaft an sich: Wie weitere Bilder aus jener Zeit macht das Gemälde deutlich, dass der junge Künstler die Geburt als etwas besonders Wunderbares und Verehrungswürdiges betrachtet haben muss. Liebevoller und zärtlicher als im vorliegenden Werk hat er das Motiv wohl niemals dargestellt, und wieviel ihm dieses Bild bedeutet haben muss, zeigt schon die Tatsache, dass er es 1924 fast gleich wiederholt hat.2 In einem gewissen Sinne wohnt diesem Werk auch etwas fast Prophetisches inne: 1915 heiratete Chagall in Witebsk seine Jugendliebe Bella Rosenfeld, die ihm im Jahr darauf Tochter Ida gebar.
1 Im Sommer 1914 wurde Chagall während einem Aufenthalt in seiner Heimat vom Krieg überrascht, so dass er vorläufig nicht nach Paris zurückkehren konnte.
2 Abgebildet im Ausst.-Kat. Chagall au Japon, Museum for Western Art, Tokyo 1963, Nr. 133. Das gleiche Bild findet sich auch in Franz Meyers 1961 erschienener großer Monographie, dort aber unter dem Titel Das Bad und datiert in die Zeit 1914-1920 (Nr. 529). Dass Chagall das Bild 1924 wiederholt hat, hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass es sich dabei um eines jener «verlorenen» Bilder handelte, die der junge Künstler auf seiner Rückreise nach Russland in Berlin bei Herwarth WaIden deponiert hatte und welche dieser in der Folge ohne Chagalls Ermächtigung abstieß (vgl. dazu Franz Meyer 1961, S. 315 ff.).
