Lyonel Feininger, Promenade in Arcueil, Inv. Nr.: GE38DL
Promenade in Arcueil
Lyonel Feininger, Promenade in Arcueil, Inv. Nr.: GE38DL
Credit: ALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Bildrecht, Wien 2026

Promenade in Arcueil

Lyonel Feininger

1915




Von 1906/07, als er in Paris studiert und das Werk Cézannes und van Goghs kennenlernt, bis zu seiner Begegnung mit dem Kubismus und Robert Delaunay im Jahr 1911 entwickelt sich Feininger vom Illustrator und Karikaturisten zum Maler der europäischen Moderne. Bei menschlichen Figuren bleiben jedoch die für seine Comics entwickelten Züge weiterhin bestimmend. Der Spaziergang einer vierköpfigen Bürgerfamilie vor dem Aquädukt im Pariser Vorort Arcueil, einem Lieblingsmotiv des Künstlers, bezieht seine Skurrilität weniger aus der flächigen Verzerrung und Längung der Figuren als vielmehr aus den wie unbeholfen gesetzten Punkt-und-Strich-Köpfen, die ein Kind gezeichnet haben könnte. Mit dieser Ästhetik des bewussten „Primitivismus“ wird Feininger bald zu einem der bedeutendsten Expressionisten Deutschlands.



Between 1906/7, when studying in Paris and familiarising himself with the works of Cézanne and Van Gogh, and his encounter with Cubism and the art of Robert Delaunay in 1911, Feininger evolved from an illustrator and caricaturist into a painter of European modernism. Yet in his renderings of the human figure the traits he had developed for his comics prevailed. This promenade of a bourgeois family of four in front of the aqueduct in the Parisian suburb of Arcueil, one of the artist’s favourite motifs, obtains its absurdity not so much from the distortions and elongations of the figures, but rather from their heads, clumsily depicted with simple dots and strokes as if they had been drawn by a child. This aesthetic of deliberate “primitivism” soon made Feininger one of Germany’s most important Expressionist artists.


Künstler:in (New York 1871 - 1956 New York)
Date1915
Object TypeGemälde
Object typePainting
Materials / TechniquesÖl auf Leinwand
Dimensions89,5 × 72 cm
Rahmenaußenmaß: 105 × 87,5 × 8,5 cm
CreditALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner
Object numberGE38DL
SignedBez. l.o. "Feininger / 15"
Text

Seit seiner intensiven Beschäftigung mit der Malerei von Robert Delaunay 1912 stellte Feininger wie dieser vor allem streng stilisierte mittelalterliche Kirchen dar; gelegentlich zog es den ehemaligen Karikaturisten aber auch zurück zu Scherz, Satire und Ironie. Zu diesen «skurrilen Kompositionen», wie sie der Künstler nannte1, zählt auch das vorliegende, 1915 in Berlin entstandene Gemälde, das in leicht veränderter Form eine bereits 1907 festgehaltene Bildidee wieder aufnimmt.2  Das Urbild, das den nicht sehr plausiblen Titel Arcueil erhielt, zählt zu den ersten Gemälden, die der Künstler in Paris malte (Standort unbekannt). Heute längst ein Vorort von Paris, ist Arcueil immer noch bekannt für seine Viadukte, insbesondere für ein Bahnviadukt mit der stattlichen Höhe von siebzig Metern. Dieses mächtige Bauwerk erscheint auf mehreren Bildern Feiningers, so auch im Hintergrund des 1911 entstandenen Werks Karneval in Arcueil, das heute als verschollen gilt.3 Auf dem vorliegenden Bild Promenade in Arcueil, das auch unter dem Titel Arcueil II bekannt ist, interessierte sich der Künstler freilich nicht so sehr für das Topographische als vielmehr für die Menschen, die in diesem Ort wohnen und arbeiten. Karikierend überzeichnet schildert er eine gutbürgerliche Familie beim sonntäglichen Spaziergang im Grünen: In der Mitte, die Gruppe völlig dominierend, die Mutter mit wuchtigem pyramidalem Aufbau; hinter ihr der schmächtige Vater, der, wenngleich er einen Zylinder trägt, neben seiner Frau fast verschwindet; links sodann die kokett einher trippelnde Tochter im Reitanzug und rechts schließlich der fast zwergenhaft wirkende Sohn.

1 Vgl. Ulrich Luckhardt, Lyonel Feininger, München 1989, S. 96.
2 Hans Hess, Lyonel Feininger, Stuttgart 1959, Nr. 24.
3 Hess 1959 (wie Anm. 3), Nr. 63.


zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 116, Nr. 64.
Catalogue raisonné
  • Koella/Billeter 2005, 64
  • Bibliography
  • Hans Hess, Lyonel Feininger, Stuttgart 1959/1991, Nr. 144, Abb. S. 261
  • R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 116, Nr. 64, Abb. S. 117
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, S. 259, Kat. 169
  • AK 1914! Die Avantgarde und der Krieg (1914! La Vanguardia y la Gran Guerra), Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid 2008/2009, Kat.Nr. 193, S. 325
  • Ulrich Luckhardt (Hg.), AK Lyonel Feininger, Alfred Kubin - eine Künstlerfreundschaft, Internationale Tage Ingelheim, Altes Rathaus, Ingelheim/Albertina, Wien, 2015/2016, Ostfildern 2015, Abb. S. 123
  • Ausstellungen (laut Koella/Billeter): Lyonel Feininger, Galerie Gmurzynska, Köln 1989, S. 24 f., Abb.
  • Malerei im Prisma. Freundeskreis um Sonia und Robert Delaunay, Galerie Gmurzynska, Köln 1991, S. 176 f., Abb.
  • Lyonel Feininger, Galerie Gmurzynska, Köln 1997, S. 48 f., Abb.
  • Das Auge des Sammlers - Monet bis Picasso, Bank Austria Kunstforum Wien, 1998, S. 100, Abb. S. 101, Kat. 28
  • Lyonel Feininger, Nationalgalerie Berlin/Haus der Kunst, München, 1998/1999, Nr. 36
  • In freier Natur - Von Cézanne bis Picasso, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck 2003, Nr. 23
  • Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, S. 259, Kat. 169
  • Lyonel Feininger, Alfred Kubin - eine Künstlerfreundschaft, Internationale Tage Ingelheim, Altes Rathaus, Ingelheim/Albertina, Wien, 2015/2016, Abb.S. 123
  • Online resources
    zum Werk
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