Promenade in Arcueil
Lyonel Feininger
1915
Von 1906/07, als er in Paris studiert und das Werk Cézannes und van Goghs kennenlernt, bis zu seiner Begegnung mit dem Kubismus und Robert Delaunay im Jahr 1911 entwickelt sich Feininger vom Illustrator und Karikaturisten zum Maler der europäischen Moderne. Bei menschlichen Figuren bleiben jedoch die für seine Comics entwickelten Züge weiterhin bestimmend. Der Spaziergang einer vierköpfigen Bürgerfamilie vor dem Aquädukt im Pariser Vorort Arcueil, einem Lieblingsmotiv des Künstlers, bezieht seine Skurrilität weniger aus der flächigen Verzerrung und Längung der Figuren als vielmehr aus den wie unbeholfen gesetzten Punkt-und-Strich-Köpfen, die ein Kind gezeichnet haben könnte. Mit dieser Ästhetik des bewussten „Primitivismus“ wird Feininger bald zu einem der bedeutendsten Expressionisten Deutschlands.
Rahmenaußenmaß: 105 × 87,5 × 8,5 cm
Seit seiner intensiven Beschäftigung mit der Malerei von Robert Delaunay 1912 stellte Feininger wie dieser vor allem streng stilisierte mittelalterliche Kirchen dar; gelegentlich zog es den ehemaligen Karikaturisten aber auch zurück zu Scherz, Satire und Ironie. Zu diesen «skurrilen Kompositionen», wie sie der Künstler nannte1, zählt auch das vorliegende, 1915 in Berlin entstandene Gemälde, das in leicht veränderter Form eine bereits 1907 festgehaltene Bildidee wieder aufnimmt.2 Das Urbild, das den nicht sehr plausiblen Titel Arcueil erhielt, zählt zu den ersten Gemälden, die der Künstler in Paris malte (Standort unbekannt). Heute längst ein Vorort von Paris, ist Arcueil immer noch bekannt für seine Viadukte, insbesondere für ein Bahnviadukt mit der stattlichen Höhe von siebzig Metern. Dieses mächtige Bauwerk erscheint auf mehreren Bildern Feiningers, so auch im Hintergrund des 1911 entstandenen Werks Karneval in Arcueil, das heute als verschollen gilt.3 Auf dem vorliegenden Bild Promenade in Arcueil, das auch unter dem Titel Arcueil II bekannt ist, interessierte sich der Künstler freilich nicht so sehr für das Topographische als vielmehr für die Menschen, die in diesem Ort wohnen und arbeiten. Karikierend überzeichnet schildert er eine gutbürgerliche Familie beim sonntäglichen Spaziergang im Grünen: In der Mitte, die Gruppe völlig dominierend, die Mutter mit wuchtigem pyramidalem Aufbau; hinter ihr der schmächtige Vater, der, wenngleich er einen Zylinder trägt, neben seiner Frau fast verschwindet; links sodann die kokett einher trippelnde Tochter im Reitanzug und rechts schließlich der fast zwergenhaft wirkende Sohn.
1 Vgl. Ulrich Luckhardt, Lyonel Feininger, München 1989, S. 96.
2 Hans Hess, Lyonel Feininger, Stuttgart 1959, Nr. 24.
3 Hess 1959 (wie Anm. 3), Nr. 63.
