Ohne Titel
Herbert Brandl
1991
Obschon der 1959 in Graz geborene Herbert Brandl einige Jahre jünger ist als Siegfried Anzinger (siehe Inv. DL332, Inv. GE326DL und Inv. GE153DL) und Hubert Scheibl (siehe z.B. Inv. GE338DL und Inv. GE318DL- GE322DL), zählt er wie diese zu Österreichs "Neuen Wilden", die ihren künstlerischen Durchbruch 1986 mit der legendären Ausstellung Hacken im Eis erlebten.[1] Noch wichtiger wurde für seine Laufbahn freilich 1992 die Einladung, an der documenta IX in Kassel teilzunehmen. Zu sehen war an dieser renommierten internationalen Kunstausstellung auch das hier abgebildete Gemälde, das wie üblich bei diesem Künstler ein stattliches Format und eine stark aus dem Gestischen heraus entwickelte Malweise aufweist. Es hing dort übrigens unmittelbar neben Werken von Gerhard Richter.
Einen Titel hat dieses Werk nicht. Das ist auch weiter nicht verwunderlich, denn im Grunde handelt es sich um ein Stück völlig gegenstandsloser Malerei. Es ist, als habe der Künstler nur ein einziges Ziel gehabt: seiner Hand völlig freie Hand zu lassen, um sich freizumalen von allem, was ihn bedrängte, und ganz zu sich selber zu gelangen – zu seinem wahren inneren Selbst. Wie man weiß, verbergen sich aber auch in Brandls abstrakten Bildern die unterschiedlichsten Wirklichkeitserfahrungen, selbst solche visueller Art. Glaubt man in ihrem Farbgewoge bald eine gebirgige Landschaft oder ein wolkiges Himmelszelt zu entdecken, so fühlt man sich andernorts an eine sattgrüne Wiese, ein dunkles Waldinneres oder, wie hier, an einen moorigen Teich erinnert.
Wichtiger ist freilich, was sich auf der Oberfläche dieser Bilder abspielt. Wie bei Anzinger und Scheibl ist Brandls künstlerische Handschrift extrem dynamisch, und auch die Farbe strotzt bei ihm so sehr von Energie, dass sie die heftigsten Konflikte heraufbeschwören kann. Das Gleiche gilt auch für die Hell-Dunkel-Kontraste, die, wie das vorliegende Bild zeigt, ebenfalls ungewöhnlich hart ausfallen können. Doch da diese Bilder meist in einem einzigen Zug und Nass in Nass gemalt sind, strahlen sie immer auch eine erstaunliche Frische aus.
[1] Hacken im Eis: Herbert Brandl, Gunter Damisch, Josef Danner, Hubert Scheibl, Otto Zitko,Kunsthalle Bern / Museum moderner Kunst, Museum des 20. Jahrhunderts, Wien, 1986. Organisiert hatte die Ausstellung Ulrich Look.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf
Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen
2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz
2012), Vaduz 2012, S. 126, Kat. 16.
