Ohne Titel
Herbert Brandl
1985
Rahmenaußenmaß: 164 × 123 cm
Farbe steht bei Herbert Brandl im Mittelpunkt seiner Malerei. Dies verbindet ihn mit seinen gleichaltrigen Wegbegleitern Gunter Damisch und Hubert Scheibl. Sie repräsentieren gemeinsam mit Siegfried Anzinger und anderen als „Neue Wilde“ die Generation der „Neuen Malerei in Österreich“. 1986 wird ihnen mit der Ausstellung „Hacken im Eis“ im 20er-Haus jene Aufmerksamkeit zuteil, die der Malerei nach Jahren des Totsagens ab 1980 an verschiedensten Brennpunkten wieder geschenkt wird. In Italien geschieht dies durch die 1979 von dem römischen Kunstkritiker Achille Bonito Oliva als „Transavanguardia“ bezeichnete Gruppe, zu deren Hauptvertretern Sandro Chia, Francesco Clemente, Enzo Cucchi oder Mimmo Paladino zählen, in Deutschland gewinnt die Malerei durch Gerhard Richter und die vier „Malerfürsten“ Baselitz, Lüpertz, Immendorf und Kiefer immer mehr an Bedeutung.
Herbert Brandl experimentiert mit der Farbe wie mit dem Trägermaterial. Malen bedeutet für ihn ein stetes Überlagern, Verdichten, Verwischen, Zeigen und Verbergen. Er evoziert in seinen Arbeiten Landschaften und Natur. Erde, Wasser, Wolken und wechselnde Lichtstimmungen sind erkennbar, oft nur erahnbar. Letzten Endes thematisieren seine intensiven Farbexperimente den gestischen Akt und das Prozesshafte des Zeichnens und Malens selbst. Sie erst machen das Bild zum Bild. Der Farbe wohnen beinahe unzählige Möglichkeiten inne. Die Pigmente, die Bindemittel, ihr Verhältnis zueinander: Klumpenbildungen, Anhäufungen, Gerinsel, Lasuren, Überdeckungen, Abkratzungen und deren Reste. Ein Nebeneinander, Miteinander, aber auch Gegeneinander der Farben konstituieren das Bild, schaffen Harmonie, dann wieder Dissonanz. Farben schlagen Löcher in andere Farben, Farben bilden Brücken. Farben können großflächig fast einzeln stehen, aber auch Zweckgemeinschaften eingehen und gemeinsam Figuren und Landschaften aufbauen.
Besonders in den frühen Gemälden bilden reliefartig aufgetürmte Farblandschaften Kompositionen an der Schnittstelle zwischen Abstraktion und Figuration. Bald schon gelangt Brandl durch ständiges Experimentieren mit Farbe und Trägermaterial zu völlig neuen lasierenden, gestisch schnell entwickelten Bildfindungen. Seine Arbeiten erzeugen neue Maßeinheiten für Raum und Zeit. Da sich in ihnen alles als gleichzeitig möglich darstellt, heben sie die Gegensätze Tiefe und Fläche, Wirklichkeit und Fiktion, Realismus und Abstraktion als unhaltbar auf. Sein Werk entfaltet sich als ständiger Wechsel zwischen gegenstandsloser und gegenständlicher Malerei.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Wien 2021, S. 46.
Color is the key element of Herbert Brandl’s painting. This connects him with his contemporaries Gunter Damisch and Hubert Scheibl, who, as “Neue Wilde” (The New Wild Ones), together with Siegfried Anzinger and others, represent the generation of “New Painting in Austria”. In 1986, with the exhibition Hacken im Eis (Hacking in the Ice) in the so-called 20er-Haus in Vienna, they received the attention that was once again given to painting—after years of being declared dead— at various hotspots from 1980 onwards. In Italy, for example, this was achieved by the group described by the Roman art critic Achille Bonito Oliva as the “Transavanguardia” in 1979, the main representatives of which included Sandro Chia, Francesco Clemente, Enzo Cucchi, and Mimmo Paladino. In Germany, Gerhard Richter and the four “painter princes” Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Jörg Immendorff, and Anselm Kiefer were responsible for the growing importance of painting.
Herbert Brandl experiments with color, as well as with the carrier material. For him, painting means a constant overlapping, condensing, blurring, revealing, and hiding. In his works, he evokes landscapes and nature. Earth, water, clouds, and changing light moods are at times recognizable, often only imaginable. Ultimately, his intensive experiments with color focus on the gestural act and the processual nature of drawing and painting itself. For it is they that make the picture a picture. There are virtually countless possibilities inherent in color. The pigments, the binders, their relationship to one another: lumpy formations, accumulations, clumps of paint, glazes, overlays, erasures, and their residue. A coexistence, togetherness, but also opposition of colors constitute the picture, create harmony, and then again dissonance. Colors make holes in other colors, colors form bridges. Colors can stand almost alone over large areas, but also enter into communities of purpose and together build up figures and landscapes.
Especially in the early paintings, relief-like, piled-up color landscapes form compositions at the interface between abstraction and figuration. Through constant experimentation with color and carrier material, Brandl soon arrived at completely new, translucent, gesturally rapidly developed visual solutions. His works create new units of measurement for space and time. Since, within them, everything is simultaneously possible, they eliminate the opposites of depth and surface, reality and fiction, realism and abstraction as untenable. His work unfolds as a constant navigation between non-objective and objective painting.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Vienna 2021, S. 46.
