Rastende Gruppe
Annibale Carracci
frühes 16. Jahrhundert
Auf der Zeichnung erscheint eine weiträumige Landschaft, in deren Mitte sich eine Gruppe von Figuren versammelt hat, die teils stehen, teils auf dem Boden lagern. Zwei von ihnen spielen Karten und die anderen sehen ihnen gespannt zu. Das idyllische Motiv dieser in der Natur verweilenden Menschen steht offensichtlich in der Tradition venezianischer Landschaftsdarstellungen von Giorgione oder dem frühen Tizian. Die zeichnerische Durchführung ist spontan und locker, wirkt jedoch gleichförmig. Es fehlt die Konzentration an vereinzelten Stellen, und offensichtliche Schwächen wie der stummelartige ausgestreckte Fuß der linken sitzenden Figur oder die schematische Wiedergabe der Bäume, die kein richtiges Volumen entwickeln, sprechen eindeutig für eine Kopie. Von dieser Darstellung sind vier weitere Kopien bekannt, die sich im Louvre in Paris (LOISEL 2004, S. 315, Nr. 793), in Chatsworth (JAFFÉ 1994, S. 122, Nr. 536), im Teylers Museum in Haarlem und im Kunsthandel (BAILEY 1993, Bd. 2, S. 512ff., Bd. 3, Fig. 151 b und c) befinden. Drei von ihnen sind in Feder und Tinte gezeichnet, nur für das Blatt in Chatsworth wurde schwarze Kreide verwendet. Alle weisen geringfügige Unterschiede auf und könnten daher unabhängig voneinander nach derselben, heute verlorenen Vorlage von Annibale Carracci entstanden sein, die offensichtlich große Popularität besaß. Wie Per Bjurström (2002, S. 215) unlängst angemerkt hat, wurden Annibales Landschaftszeichnungen besonders häufig kopiert, zunächst von Mitgliedern aus der Werkstatt, später von Nachfolgern.
Von der hier besprochenen Darstellung existiert eine Variante, in der die Hauptmotive kaum verändert wiederkehren, aber rechts neben der Figurengruppe weitere, in prachtvollen Windungen emporragende Bäume eingefügt sind und sich auf der rechten Seite ein Fluss durch die Landschaft schlängelt. Auch diese »Version mit dem Fluss« ist nicht als originale Zeichnung erhalten, sondern nur durch Kopien im Louvre (LOISEL 2004, Nr. 791, 792) bekannt. Eine Radierung von Jean Pesne (BAILEY 1993, Bd. 3, Fig. 151) gibt sie zudem mit geringfügigen Veränderungen gegensinnig als Erfindung von Annibale Carracci wieder (ein weiterer gegensinniger Druck stammt von Graf Caylus, BAILEY 1993, Bd. 3, Fig. 151A). Die Radierung von Jean Pesne gehört zu einem 1666 begonnenen, aber 1754 datierten Album mit Druckgrafiken, dem Receuil de 283 Estampes de Jabach, die hauptsächlich Landschaftszeichnungen wiedergeben, die sich einst im Besitz des berühmten Sammlera Everhard Jabach (1618–1695) befanden. Mehr als 180 der Radierungen reproduzieren Annibale Carracci zugeschriebene Landschaftszeichnungen (BJURSTRÖM 2002, S. 215).
Ob die Vorlage für diese Zeichnung und für die anderen Kopien tatsächlich von Annibale stammte, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Vieles spricht jedoch für diesen Künstler als Erfinder dieser Komposition. So findet sich die Form des Baumes auf der linken Seite mit dem gewundenen Stamm, den gekrümmten, reich verzweigten Ästen sehr ähnlich in den Hintergründen einzelner Fresken in den Bologneser Palazzi Fava und Magnani (POSNER 1971, Bd. 2, 14f., 52f.). Die auf einem Weg in die Ferne wandernden Figuren kehren etwa im Hintergrund der hl. Margarethe in Santa Caterina dei Funari in Rom wieder (Bologna 1986, Nr. 97). Der Bildaufbau mit seiner kontinuierlichen Entwicklung der Landschaft durch eine Abfolge von leichten Erhebungen, die gegenläufige Schrägen bilden, lässt sich mit dem Gemälde der hl. Maria Magdalena in der Galleria Doria Pamphilj (POSNER 1971, Bd. 2, fig. 125) oder mit der Ruhe auf der Flucht in einer Privatsammlung vergleichen (Bologna 1986, Nr. 96). Auch der Zeichenstil des Blattes gemahnt an Annibale, was selbst noch an dieser Kopie erkennbar wird. Charakteristisch sind die kräftigen Federlinien, die sich zu Schraffuren zusammenfügen, die in breitem Abstand zueinander gesetzt sind, leicht ansteigen und sowohl das gesamte landschaftliche Terrain als auch die Belaubung der Bäume akzentuieren (vgl. pastorale Landschaft im Ashmolean Museum, Oxford, Bologna 1956, Nr. 244). Typisch ist, wie sich die Umrisse der Bäume aus einer Abfolge kleiner Kringel zusammensetzen. Durchdie offene Linienführung sind die Figuren gänzlich in die Landschaft einbezogen. Das Licht vermag die Formen zu durchdringen und den gesamten Raum mit einer atmenden Frische zu erfüllen. Die Bildebenen gehen kontinuierlich ineinander über und der Raum erhält eine vollkommen einheitliche Wirkung, was ein weiteres Wesensmerkmal der Landschaften Annibales ist.
Achim Gnann, Heinz Schödl (Hg.), Spurensuche. Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina, Wien 2015.
