Der bethlehemitische Kindermord
Ugo da Carpi
um 1517
Der extrem seltene Clair-obscur-Holzschnitt gibt gleichseitig Marcantonio Raimondis Kupferstich Der bethlehemitische Kindermord (B. XIV, S. 19f., Nr. 18) wieder, das erste Hauptwerk der Zusammenarbeit zwischen Raphael und dem Bologneser Stecher. Während sich Raphael in den Jahren 1509 und 1510 mit den Entwürfen für die Wandfresken in der Stanza della Segnatura beschäftigte, fasste er die Idee zu dieser Darstellung. Er bereitete sie mit einer Reihe von Entwurfszeichnungen genauso sorgfältig vor wie seine Gemälde (Knab, Mitsch, Oberhuber 1983, Nr. 338–345), schuf die Komposition aber eigens für die Reproduktion in der Druckgraphik. Marcantonio Raimondi fertigte von dem Kupferstich einige Jahre später eine Wiederholung, die sich von der ersten Fassung durch das Weglassen des Tannenbäumchens am rechten Rand unterscheidet (Inv. DG1970/272). In dieser gab er durch geringfügige Veränderungen den Bewegungen eine klarere, straffere und zugleich räumlich überzeugendere Wirkung. Ugos Bethlehemitischen Kindermord lag diese zweite Fassung des Stichs zugrunde, den er möglicherweise direkt auf den Holzstock übertragen hat. Der Stich ist in den Maßen zwar etwas größer, doch ist die Komposition auf dem Clair-obscur am linken und oberen Rand geringfügig verkleinert. Ugo hatte sich bereits zuvor an der Stichtechnik Marcantonio Raimondis geschult, indem er eine Kopie von dessen Kupferstich der Beweinung Christi (B. XIV, S. 43, Nr. 37; Landau und Parshall 1994, Fig. 154) anfertigte. Er setzte dabei Linie für Linie getreu das um 1516 nach einem früheren Entwurf Raphaels geschaffene Blatt in den Holzschnitt um, womit er Marc antonio Raimondi und Raphael seine technische Versiertheit vor Augen führen konnte. Bei Marcantonio Raimondis differenziertem, in der technischen Ausführung komplexen Stich des bethlehemitischen Kindermords mit seinen dicht aneinandergesetzten Gravuren war die Umsetzung in den reinen Linienholzschnitt nicht mehr möglich. Ugo verzichtete auf den Gebrauch einer dominierenden, die Komposition vollständig wiedergebenden Linienplatte und verwendete zwei Tonplatten sowie zwei nur noch Akzente setzende Strichplatten. Die vier Holzstöcke ergeben erst im Zusammenwirken die vollgültige Darstellung. Damit ist der entscheidende Schritt zu seiner später ausschließlich gehandhabten Technik gemacht, bei der Ugo dann drei und mehr Farbplatten verwendete und die schwarze Strichplatte Schritt für Schritt überflüssig werden ließ. In seiner Kopie des Bethlehemitischen Kindermords imitieren die Tonplatten farblich die Grauabstufungen im Stich, dessen Wirkung Ugo möglichst präzise nachzuahmen suchte. Für die hellsten Partien, die zumeist mit langen parallelen Gravuren wiedergegeben sind, verwendet er die hellste Tonplatte und für die Halbschatten die zweite Tonplatte. Für die Akzentuierung von Einzelheiten wie die hervortretenden Muskeln sowie für die tiefsten Schatten nimmt Ugo die beiden dunkelsten Tonplatten, wobei er den Rändern eine gezackte Form gibt, um sie wie spitz ansetzende Gravuren aussehen zu lassen. Selbst differenzierte Formgebilde wie die Musterung am Saum des Kleides der rechts stehenden Frau setzt Ugo in den Holzschnitt um. Der Papiergrund bleibt an den gleichen Stellen hell wie im Stich. Während J. Johnson den Druck auf 1517 datiert, plädiert man im Ausstellungskatalog über Ugo da Carpi von 2009 für eine Entstehung zu Beginn der 1520er Jahre. Wenngleich der Bethlehemitische Kindermord nicht der früheste mit mehreren Holzstöcken gedruckte Clair-obscur sein muss, ist eine frühe Datierung gewiss zutreffend. Die Tonplatten bilden noch scharfe Konturen und schichten sich eher additiv übereinander, worin unmittelbare Parallelen zu Aeneas und Anchises von 1518 und Raphaels Unterhaltung mit seiner Geliebten bestehen (Sammlung Baselitz, Wien 2013, Kat. 35; Albertina Inv. DG2002/322). In den späteren Holzschnitten wie dem Wunderbaren Fischzug (Albertina Inv. DG2002/282) greifen die Tonplatten harmonischer ineinander, wobei sich die Formen malerisch auflösen und die Farben wie wässrig verlaufende Pinsellavierungen anmuten. Der Hintergrund bleibt nicht weiß, sondern wird zur Gänze mit dem hellsten Farbton ausgefüllt. Dieser ist zugleich Grundton für die Modellierung der Figuren, die nur noch durch Akzente von Licht und Schatten ihre Körperlichkeit erhalten. Gegenüber dem Bethlehemitischen Kindermord gelingt es Ugo in diesen Drucken wesentlich überzeugender, den Gestalten Plastizität und Geschmeidigkeit zu geben und sie vollkommen in den Umraum einzubinden.
Literatur: Zanetti 1837, S. 7f., Nr. 2; Baseggio 1844, S. 17; Seibt 1891, S. 45ff.; Kristeller 1912, S. 49; Pittaluga 1930, S. 234; Trotter 1974, S. 12ff., 60ff.; Servolini 1977, S. 8, Kat. 9, Tav. XX; Johnson 1982, Kat. 8; Karpinski 1983, S. 33; Landau und Parshall 1994, S. 150; Carpi 2009, Kat. 23 (Text v. T. Previdi)
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