Löwe und Tiger im Kampf
Eugène Delacroix
um 1854
Die Zeichnung zeigt den Kampf zwischen einem Löwen und Tiger. Die beiden Raubtiere sind in enger Umklammerung, unerbittlich ineinander verbissen, in aufrechter Position als noch gleichwertige Kontrahenten wiedergegeben. Der Ausgang des Kampfes scheint im Moment der Darstellung ungewiss, obwohl der Genickbiss des Löwen wohl schon zu seinem Vorteil gedeutet werden könnte. Die aufrechte Stellung der wie zu einer Einheit verschmolzenen Tiere erhöht die Spannung, da es zunächst der Phantasie des Betrachters überlassen bleibt, wer siegen oder unterliegen wird.
Delacroix besaß eine überaus starke Affinität zu der wilden Natur und dem animalischen Triebleben der Raubkatzen, die einen thematischen Schwerpunkt in seinem Œuvre darstellen. Zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde und druckgraphische Arbeiten dokumentieren seine Faszination für die ungezügelte Wildheit und kraftvolle Energie dieser Spezies. Delacroix bevorzugte vor allem das Motiv des Kampfes sowohl zwischen Tier und Mensch als auch zwischen Tieren, der grausame Moment des Beutemachens oder die unerbittliche Härte eines Rivalitätskampfes, wie ihn die Zeichnung der Albertina mit brutaler Eindringlichkeit zeigt. Mit erregtem, kurvigem Linienduktus lässt Delacroix den Eindruck von körperlicher Dichte und Stofflichkeit wie auch von dynamischer Bewegung und geballter Kraft entstehen. Das ausdrucksstarke Blatt gehört mit einer Reihe von verwandten Zeichnungen zu dem Gemälde der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur (Johnson, III, Nr. 195, IV, Taf. 19), das laut Tagebuch 1854 entstand. Delacroix notiert in seinem Landhaus in Champrosay am 12. Oktober 1854, dass er den ganzen Tag wie besessen an dem Kampf zwischen Löwe und Tiger gearbeitet habe (Delacroix, Journal II, S. 286 f.). Am 15. Oktober erwähnt er dieses Sujet ein zweites Mal (Delacroix, Journal II, S. 289).
Die erste, flüchtig, mit wenigen Federstrichen angedeutete Idee dieses Themas findet sich in einem Skizzenblatt des Louvre (Sérullaz, I, Nr. 1135). In zwei nebeneinander gezeichneten Studien, ebenfalls im Louvre (Sérullaz, I, Nr. 1134), wird das Motiv dann näher präzisiert: zunächst sind nur die Umrisse der beiden Tiere festgehalten, bevor in einem nächsten Schritt auch ihre Binnenstruktur genauer definiert erscheint. Die Doppelstudie bildet den Ausgangspunkt für alle weiteren Versionen: Stilistisch nah verwandt ist die Zeichnung der Albertina. Eine verschollene Federzeichnung (Rudrauf 1963, Abb. 7) entspricht dieser in einzelnen markanten Details wie z.B. der identen Schwanzstellung der Katzen, vor allem dem um die Hinterpfote des Löwen geschlungenen Tigerschwanzes und dem aufgerichteten des Löwen. Auch in der Gestaltung der Landschaft mit einem steilen Abhang lassen sich Ähnlichkeiten feststellen. Zu dieser Serie gehört weiters die Bleistiftvariante im Metropolitan Museum in New York (AK Frankfurt 1987/88, Nr. I 26), in der die beiden wie aus einem Block gemeißelten Tierkörper noch stärker in die Vertikale streben, wodurch anstelle von aggressivem Aufeinanderprallen der Eindruck von statischer Ruhe entsteht. Eine bildhaft ausgeführte Aquarell-Version befindet sich in Pariser Privatbesitz (Rudrauf 1963, Abb. 8), die dann im Gemälde in Winterthur eine entscheidende Veränderung erfuhr: Delacroix gibt die Raubtiere in horizontaler Stellung wieder, den Tiger bereits unter dem mächtigen Körper des Löwen liegend, womit die Spannung abgeschwächt erscheint, da das Ende des Kampfes vorhersehbar ist.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Vergleich mit den zwischen 1847 und 1861 geplanten und ausgeführten Wandmalereien der Engelskapelle in Saint-Sulpice, wo Delacroix für den "Kampf Jakobs mit dem Engel" das gleiche packende Motiv eines noch unentschiedenen Zweikampfes, wie er es für die Tierzeichnungen verwendet, gleichsam austauschbar, auch in die menschliche Ebene transponiert (siehe dazu Inv. 24514, Inv. 24515, Inv. 24516, Inv. 24517).
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 242, Nr. 104.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/33843/lowe-und-tiger-im-kampfImage Request