Architekturpasticcio
Hubert Robert
1762
Bemerkenswert an diesem Architekturpasticcio ist nicht nur das überdimensionale Format, das die Zeichnung wie ein Gemälde wirken lässt, sondern auch die subtil differenzierte Ausführung: Mit nur wenigen Farbwerten gelang es Robert, eine reiche Tonskala zu erzeugen und damit eine aus heterogenen – aus realen und erfundenen – Elementen szenisch wie räumlich schlüssige Phantasielandschaft entstehen zu lassen.
Ähnlich der Zeichentechnik Natoires, dem Direktor und Lehrer an der französischen Akademie in Rom, skizzierte Robert seine Bildidee zunächst mit Graphitstift, trug für die Schattenzonen unterschiedlich dichte Schwarz- und Braunlavierungen auf und erzeugte mit minimaler Aquarellierung eine effektvolle koloristische Gesamtwirkung, bevor er die Komposition mit Feder bzw. feinem Pinsel strukturierte sowie Einzelformen stärker herausarbeitete. Die atmosphärische Wirkung des Himmels entsteht durch zarten, großflächigen Farbauftrag, der sich transparent über den hellen Papiergrund legt. Zur stärkeren Belebung und Akzentuierung der Himmelszone tragen schließlich dichte, dynamische Kreideschraffuren bei. In dem Architekturpasticcio verband Robert reale Monumente der römischen Antike wie der Cestus-Pyramide rechts oder der im Hintergrund links kaum mehr zu erkennenden Kuppel des Pantheons mit imaginären Bauten des klassischen Altertums wie der Steinbrücke und vor allem dem mächtigen, ruinösen Tempel als zentralem Bildmotiv. Zur Belebung dienen Staffagefiguren, deren alltägliche Beschäftigungen einen wirksamen Kontrast zu den ehrwürdigen Baudenkmälern bilden: Bisweilen finden sich auch kleine anekdotische Details wie ein unterhalb des Tempels sitzender Zeichner, vielleicht Robert selbst, mit einem Hund als aufmerksamen Betrachter an seiner Seite. Mit einem ausgeprägten Sinn für dekorative Gestaltung vereinte Robert in seiner Darstellung eine nostalgisch verklärte Sicht auf antike Denkmäler mit gefühlsbetonter Naturstimmung.
Klaus Albrecht Schröder und Heinz Widauer (Hg.), Von Poussin bis David, Wien, Albertina, 2017, S. 122, Nr. 47.
