Der undankbare Sohn
Jean-Baptiste Greuze
1777
Der Zeichnung liegt das biblische Thema des verlorenen Sohnes zugrunde, das Greuze jedoch in den bürgerlichen Alltag seiner Zeit verlegt hat. Die wild bewegte, theatralische Darstellung des undankbaren Sohnes zeigt einen wütenden Vater, der seinen Sohn verflucht, weil dieser trotz inständigem Flehen seiner Angehörigen einem rekrutierenden Soldaten in die Armee folgt. Sie bildet die unmittelbare Vorstudie für das Gemälde in Paris (Louvre). Einige Zeitgenossen fanden das Sujet und die Wiedergabe jedoch zu abschreckend und rieten Greuze von einer gemalten Fassung ab: »Man leidet zu sehr sie [die Szenen] zu sehen. Sie vergiften die Seele mit einem so tiefen und schrecklichen Gefühl, dass man gezwungen ist, die Augen abzuwenden.«
Die wild bewegte Darstellung zeigt einen wütenden alten Vater, der seinen Sohn verflucht, weil dieser trotz inständigem Flehen seiner Angehörigen einem rekrutierenden Soldaten in die Armee folgen will. Die Zeichnung bildet die Vorstudie für das 1777 entstandene Gemälde im Louvre (AK New York/Los Angeles 2002, Abb. 16), das Greuze nur mehr in wenigen Details wie der abwehrenden Handbewegung des Sohnes geringfügig variiert hat. Eine größere Korrektur nahm Greuze einzig an dem in der Tür stehenden Soldaten vor: Während er in der Zeichnung bereits im Weggehen dargestellt ist, wirkt er im Ölbild wie ein amüsierter Zuschauer, der in betont lässiger Haltung auf den Ausgang des turbulenten Geschehens wartet. Anstelle des Helms als Kopfbedeckung trägt er nun ein Federbarett. Auf die Person hinter ihm, von der nur das Gesicht mit schreckgeweiteten Augen zu sehen ist, verzichtet Greuze im Gemälde gänzlich. In der Zeichnung wie in dem Ölbild besticht Greuzes fulminante Lichtregie, die die Dramatik der Szene wesentlich zu steigern vermag.
Das in die Gegenwart übertragene biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn hatte Greuze bereits einige Jahre früher beschäftigt: Eine um 1765 entstandene Zeichnung in Lille (Musée des Beaux-Arts) zeigt eine seitenverkehrte Version derselben Komposition (AK New York/Los Angeles 2002, Nr. 48). Zeitgenossen fanden Sujet und Wiedergabe zu abschreckend und rieten Greuze dringend von einer gemalten Fassung ab: "Man leidet zu sehr, sie [die Szenen] zu sehen. Sie vergiften die Seele mit einem so tiefen und schrecklichen Gefühl, dass man gezwungen ist, die Augen abzuwenden" (zit. nach: AK New York/Los Angeles 2002, S. 151 f.).
1778 malte Greuze ein Pendant zu dem Bild von 1777 - den heimkehrenden, verkrüppelten Sohn, der seinen Vater nur mehr auf dem Totenbett vorfindet (Louvre, Paris; AK New York/Los Angeles 2002, Abb. 17) -, das wie sein Gegenstück ebenfalls auf eine bereits um 1765 entstandene Zeichnung zurückgeht (Musée des Beaux-Arts, Lille). Zu dem Bestraften Sohn besitzt die Albertina insgesamt drei Studien Inv.12759, Inv. 12760), darunter gleichsam das Gegenstück zum vorliegenden Blatt, da beide eine nah verwandte technische wie stilistische Ausführung aufweisen (Inv. 15375).
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 151.
