Der Jesusknabe als Erlöser
Albrecht Dürer
1493
Die auf Pergament gemalte Darstellung des Jesusknaben, der die Weltkugel wie einen Spielball in Händen hält, ist 1493, also während Dürers Gesellenwanderung, entstanden. Das Motiv verrät eine Entstehung des Blattes im Gebiet des Oberrheins, wo es in Form von druckgrafisch vervielfältigten Neujahrsgrußkarten verbreitet war. Dürers kleinformatige Malerei wird jedoch nicht als Grußkarte genutzt worden sein. Vielmehr war sie wohl Teil seiner frühen Vorlagensammlung und verblieb in Dürers Werkstatt.
The depiction on parchment showing the Christ Child holding the orb of the world like a toy ball was painted in 1493 during Dürer’s journeyman years. The motif suggests that the work was made in the Upper Rhenish region, where comparable representations were widespread as printed New Year’s greetings. Dürer’s small-format painting was not used as a greeting card but entered his early collection of models at an early date and remained in the painter’s workshop.
Rahmenaußenmaß 42,7 × 38,7 × 3,3 cm
Diese Miniatur gilt heute allgemein als Neujahrsgrußkarte. Die Darstellung des Jesusknaben auf Neujahrskarten war im 15. Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Die Ankunft Christi wurde traditionell mit der Ankündigung eines neuen Jahres verbunden. Außergewöhnlich ist Dürers neuartige Wiedergabe des Sujets im Vergleich zu früheren Beispielen: Dort erscheint der fast ausschließlich ganzfigurig gegebene Jesusknabe auf Blattkrabben oder auf einem Polster im paradiesischen Garten, manchmal mit seinen Leidenswerkzeugen auf seinen späteren Opfertod oder mit dem Reichsapfel auf seine Rolle als Salvator Mundi weisend.
Das Pendant eines in Kupferstichtechnik ausgeführten Fürbittediptychons, "Der segnende Erlöser in Halbfigur" des Meisters E.S., zeigt, woher Dürer die Halbfigurigkeit und die Fensterlaibung für seinen Neujahrsgruß entlehnt und nach seinen Vorstellungen adaptiert haben mag. Der Christus des Kupferstichs erscheint hinter dem Fenster, so dass die Brüstung noch als Trennung empfunden wird, auch wenn das herabhängende Gewandteil diesen Eindruck mildert, während Dürer den Jesusknaben völlig glaubwürdig in die Fensterlaibung einschreibt und so eine größere Nähe zum Betrachter herstellt. Die goldene Kugel auf Dürers Miniatur erinnert nur mehr entfernt an die Weltkugel des Salvator Mundi, eher an einen Ball, den ein Knabe spielerisch in Händen hält; allein der ergebene, nach oben gerichtete Blick, das weiße Gewändchen und der Strahlenkranz interpretieren Christus gemäß der Bildtradition als Verkündiger des beginnenden Jahres, das damals regional unterschiedlich in der Zeit zwischen Weihnachten ("Christkind") und Neujahr gefeiert wurde. Die Miniatur ist mit Deckfarben auf Pergament gemalt und datiert laut der eigenhändigen Bezeichnung aus 1493. Seit April des Jahres 1490 befand sich der junge Dürer auf Wanderschaft. Am Ende seiner Reise war er wohl in Basel, wo er seine ersten Erfahrungen in der Produktion von Druckgraphik sammeln konnte und zweifellos mit druckgraphisch vervielfältigbaren Glückwunschkarten, aber auch mit Stichen des Meisters E. S. in Berührung kam. Da der Neujahrsgruß der Albertina nicht in Form einer auf Verbreitung abzielenden Druckgraphik veröffentlicht, sondern als Einzelstück auf Pergament gemalt wurde, musste das Blatt für einen bestimmten, uns leider heute unbekannten Adressaten gedacht gewesen sein. Malweise, Bildträger und das rahmende, allerdings von Abnützungen beeinträchtigte, kaum erkennbare Rankenmotiv lassen diese Miniatur mit einer anderen im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen mit einer Darstellung der "Heiligen Familie" vergleichen. Letztere wird aber wegen ihrer größeren Natürlichkeit und deutlicheren Trompe-l'Œil-Effekte etwa zwei Jahre später, in die Zeit von Dürers Italienaufenthalt oder kurz danach, datiert.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 8, S. 132.
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