Das große Rasenstück
Albrecht Dürer
1503
Dargestellt ist ein sogenannter Trittrasen, wie er um den Wechsel vom April zum Mai, wenn der Löwenzahn verblüht ist, an jedem Feldweg vorkommt. Der Ausschnitt ist mit derartiger Präzision gemalt, dass man darüber fast vergisst, dass Dürers Bravourstück in Sachen Naturerkundung sicherlich nicht en plein air, sondern in seiner Werkstatt entstand. Es ist davon auszugehen, dass Dürer die unterschiedlichen Pflanzen zunächst einzeln studierte und für die abschließende Fassung neu arrangierte. So wachsen die Gräser zur Mitte hin höher, und im Zentrum der Komposition verdichtet sich hinter den hell beleuchteten Blättern des Breitwegerichs der Bewuchs zu einer geheimnisvoll dunklen Zone. Dürer verwendete, um die Pflanzen in ihrer natürlichen Größe darstellen zu können, das größte verfügbare Papierformat. Die Datierung auf 1503 findet sich versteckt im Bodenbereich unterhalb der Gänseblümchen- und Wegerichblätter.
Dürer shows us here a conventional piece of turf of the type found on every field road around late April and early May, when the dandelions have faded. The detail is painted with such botanic accuracy that the viewer almost forgets that Dürer’s bravura piece in the matter of nature studies was surely not made en plein air but in his workshop. We can assume that Dürer studied the individual plants separately before assembling them for this work. The grasses toward the middle grow taller while all the growth behind the brightly illuminated plantain leaves in the center of the composition consolidates into a mysterious dark zone. Dürer made use of the largest available sheet of paper in order to render the plants in their original sizes. The date 1503 is located concealed on the ground below the daisies and the plantain leaves.
Rahmenaußenmaß 66,9 × 57,6 × 7,3 cm
Diese Pflanzenstudie gibt vor, ein natürliches Stück Rasen festzuhalten. Sie ist so naturalistisch und veristisch gezeichnet, dass sie den Betrachter übersehen lässt, dass der Darstellung ein genau durchdachtes Konzept zugrunde liegt und die Studie alles andere als ein launenhaftes Nebenprodukt künstlerischer Beschäftigung ist. Der tief liegende Blickpunkt unterbindet den Eindruck einer am Wegrand gezeichneten Studie; vielmehr erlaubt die Pflanzenstudie nur dann einen Zugang, wenn man sich selbst als kleiner Teil in den pflanzlichen Mikrokosmos hineinversetzt fühlt. Die Studie wird im Atelier, vielleicht unter Zuhilfenahme einzelner, separat studierter Gräser, entstanden sein. Bewusst ist nicht die Blattmitte als Bildzentrum gewählt; der Blick wird von den hellsten, plastisch hervortretenden Blättern rechts über die Mitte nach links, in die dichteste und daher dunkelste Stelle geleitet. Mit dem sumpfigen Erdreich im unteren Bereich läuft das Blatt mit breiter, dunkler und beinahe lavierend eingesetzter Pinselführung nach unten hin aus; oben wurden, als Kontrapost, mit dem feinen Pinsel in Deckfarben die Spitzen der Gräser in lichtem Nebeneinander gezeichnet. Letztlich ist die Naturstudie zwar ausschnitthaft wiedergegeben und gegen die Seiten hin nicht begrenzt; doch sind die einzelnen Gräser wie Spitzwegerich und Löwenzahn als Ganzes, von der Wurzel bis zur Spitze oder Blüte erfasst.
Das "Große Rasenstück" ist neben dem "Feldhasen" (Inv. 3073) die wohl berühmteste Naturstudie Dürers und neben der in der Kunsthalle in Bremen aufbewahrten "Iris" (W 347) die einzige gesicherte reine Pflanzenstudie in Dürers Werk. Eine rechts unten im Schwarz des Erdreichs kaum wahrnehmbare Datierung 1503 rückt die Studie in die zeitliche Nähe einer in der Albertina aufbewahrten aquarellierten Federzeichnung, der "Maria mit den vielen Tieren" (Inv. 3066), die eine so große Zahl an Pflanzen und Tieren wiedergibt, dass man, obwohl das "Große Rasenstück" nicht wörtlich auf der Zeichnung wiederkehrt, eine indirekte Abhängigkeit der beiden Blätter nicht leugnen möchte, zumal das Marienblatt eine Vielfalt an Fauna und Flora aufweist, die unter anderem nach #Schongauers Vorbild, vor allem aber nach der Natur gezeichnet wurden. Dieser Gruppe gehört auch das Bremer Blatt mit der "Iris" an, die wiederum auf mindestens drei, dem Dürer-Stil zugerechneten Ausführungen, darunter auf der von ihm begonnenen und von seiner Werkstatt vollendeten, in der Londoner National Gallery aufbewahrten "Madonna mit der Iris" wiederkehrt. Sowohl die Albertina-Zeichnung als auch das Bremer Blatt werden mit 1503 datiert, nicht zuletzt wegen der vergleichbaren Pinselführung.
Das "Große Rasenstück" ist im Gegensatz zu den Studien "Tote Blauracke" (Inv. 3133), "Blaurackenflügel" (Inv. 4840) und "Feldhase" (Inv. 3073) eine der wenigen Naturstudien Dürers, die keine unmittelbare Wiederholung durch #Hans Hoffmann oder einen anderen Künstler der Dürer-Renaissance, die gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine Hochblüte erlebte, erfuhr. Das von der Forschung begrifflich nicht immer einhellig akzeptierte Schlagwort "Dürer-Renaissance" umschreibt die nach dem Tod des Künstlers anhaltende große Nachfrage nach seinen Werken durch wichtige fürstliche Sammler wie #Kurfürst Maximilian I. von Bayern und #Kaiser Rudolf II. So unterhielt Letzterer eine Werkstatt mit Kopisten und Nachahmern, die sich am Vorbild Dürers orientierten und sein künstlerisches Erbe weiterführten. In einer Ausstellung der Albertina gelang es 1985 erstmals, alle jene Naturstudien, die bis dahin mit Dürers Namen traditionell, aber ungerechtfertigterweise verbunden waren, von denen zu trennen, die zweifelsfrei vom Meister stammen. Die Analysen aller bekannten Naturstudien, die sich hauptsächlich auf stilistische und qualitative Kriterien stützen, führten auch in der Albertina zu einer substanziellen Verminderung des ehemals Dürer zugeschriebenen Bestandes an Naturstudien, darunter der weithin bekannte und heute als ein Werk eines anonymen Künstlers der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts angesehener "Veilchenstrauß" (W 358). Zuvor waren diese Blätter wegen ihrer Herkunft aus dem in der kaiserlichen Schatzkammer aufbewahrten Kunstbuch Dürers in ihrer Zuschreibung niemals angezweifelt worden. Es war vor allem auch das an Feinheit und gedanklicher Auseinandersetzung anderer Naturstudien übertreffende "Große Rasenstück", das Maßstäbe in der Beurteilung von Original und Nachahmung setzte.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 71, S. 270.
