Venus auf dem Delfin
Albrecht Dürer
1503
Das Blatt mit Venus auf dem Delphin ist eher als eine launig, völlig freihändig dahingeworfene Zeichnung - vielleicht für einen dekorativen Zweck -, denn eine philologisch bedachte ernsthafte Mythologie zu werten. Ein Weib, wie es nicht unklassischer sein kann, mit Körperrundungen à la "Nemesis" (Inv. DG1930/1528) und mit, wie fürs profane Bad, hochgestecktem Haupthaar reitet auf einem fantastischen Delfin durchs Meer, den Horizont in Schulterhöhe; im Meeresdunst rechts die vage Andeutung eines Baums, einer Insel (?). Mit großen kindlichen Augen den Betrachter visierend, hält Venus ein Füllhorn, aus dem Amor entweicht: geflügelt, geblendet, Bogen schießend, wie eine Brunnenfigur. Das Füllhorn dürfte, wie mehrfach bemerkt, aus #Mantegnas Kupferstich "Bacchanal" zitiert sein.
Die meergeborene Aphrodite (Venus), die in der Antike oft einen Delfin als Attribut besitzt, wird in spätmittelalterlichen Manuskripten gern im Wasser, stehend oder schwimmend, wiedergegeben; stehend auf einem Delfin auch in Dürers Zeichnung "Pupila Augusta" (W 153). Diese Traditionen treffen hier zu einem neuen "Meerwunder" zusammen, motivisch vergleichbar etwa dem Randdekor des Nürnberger Sebaldusgrabs.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 60, S. 248.
