Die Flucht nach Ägypten
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1540-1544
Schiavone greift mit der Radierung Die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten ein Thema auf, das sich in dieser Zeit im Veneto einiger Beliebtheit erfreute. Genannt seien etwa ein Niccolò Boldrini zugeschriebener Holzschnitt (Muraro und Rosand 1976, Nr. 76; https://permalink.obvsg.at/alb/AC04505776§) oder die beiden Gemälde von Jacopo Bassano in Vicenza (Museo Civico) und in Pasadena mit dieser Darstellung (Norton Simon Museum; Ballarin 1996, Tavole, Parte prima, Tomo terzo, Tav. 1, 149; https://www.nortonsimon.org/art/detail/M.1969.35.P§). Die Vorlage für die Radierung dürfte allerdings auf Parmigianino zurückgehen, entspricht doch das Liniensystem ganz dem der Federzeichnungen des Parmaer Künstlers. Charakteristisch sind die langen, feinen Linien, die in regelmäßigem Abstand zueinander gesetzt sind und den Körpern durch leichte Biegung Plastizität geben. Dasselbe gilt für die weich kurvenden Umrisse und die Lichthöhungen, die die Gliedmaßen runden und nie in Kontrast zu den Schraffuren treten. Parmigianinesk ist auch der dynamische Fluss der Faltenbahnen beim Umhang der Muttergottes oder die Art, wie bei den Figuren die Zwischenräume durch Schraffuren bzw. Kreuzlagen ausgefüllt werden. Alle diese Merkmale finden sich auch auf einer Zeichnung Parmigianinos in Ottawa (National Gallery of Canada), die einen jungen Mann zeigt, der einen Esel an der Leine führt (https://www.gallery.ca/collection/artwork/a-youth-leading-a-donkey-in-a-landscape§; Gnann 2007, Nr. 546). Vielleicht ist es ein Engel, der wie auf der Radierung die Heilige Familie auf der Flucht begleitet. Auf der Radierung ist hinter dem Esel der Kopf des Ochsen zu sehen, ein Motiv, das ebenso wie der Ansatz der Brücke in der rechten unteren Ecke von Dürers Holzschnitt der Flucht nach Ägypten aus dem Marienleben (Bartsch VII.132.89; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch1808bd7/0136/image,info§) übernommen ist. Parmigianino hat sich nachweislich mit diesem Holzschnitt auseinandergesetzt, zumal er die Gestalt des Josef in einer Federzeichnung kopiert hat, die in der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris aufbewahrt wird (Popham 1971, Nr. 520 verso, Pl. 278; https://permalink.obvsg.at/alb/AC09004001§).
Die beiden Blätter der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und der Rast auf ihrer Reise dorthin (Inv. DG2014/143) hängen nicht nur thematisch zusammen, sie haben auch dasselbe Format und weisen in der Radiertechnik denselben Stil auf. Hinzu kommt, dass bei beiden auf einen landschaftlichen Hintergrund verzichtet wurde, die Pose des Christuskindes nahezu identisch ist und selbst die vertikalen Schraffuren zwischen dem Kopf Christi und dem Gesicht der Mutter hier wie dort wiederkehren. Schiavone hat die beiden Radierungen daher höchstwahrscheinlich zur gleichen Zeit geschaffen.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 23, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
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