Minerva oder Bellona
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1515-1563
Die mit gezückter Lanze und erhobenem Schild fast hervorstürmende Kriegsgöttin ist wesentlich dynamischer aufgefasst als die in einer statischen Pose gezeigte Bellona (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 34; https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§), dem Gegenstück zu dieser Radierung. Die Bücher könnten darauf hindeuten, dass es sich um Minerva handelt, die nicht nur Göttin des Krieges, sondern auch der Weisheit, der Kunst und Hüterin des Wissens war. Wie bereits A. E. Popham erkannt hat, geht die Radierung auf eine Erfindung von Parmigianino zurück, von dem sich zwei gegenseitige Zeichnungen mit der in einer Nische stehenden Minerva in Paris (Louvre; https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl020008919§) und Venedig (Galleria dell‘Accademia) erhalten haben (Gnann 2007, Nr. 346, 347; https://permalink.obvsg.at/alb/AC06712870§). Es existierte jedoch eine höchstwahrscheinlich ebenfalls von Parmigianino stammende Zeichnung, die detaillierter durchgestaltet war und in der u.a. Minerva das Schild schräger hielt. Dieses heute verlorene, aber durch verschiedene Kopien überlieferte Blatt (Auflist. Popham 1971, S. 158; https://permalink.obvsg.at/alb/AC09003983§) diente auch Schiavone als Vorlage für seine Radierung (Ekserdjian 2018, S. 188;
https://gateway-bayern.de/BV045548357§). Die vertikale Linie auf der linken Seite markiert ungefähr die Stelle, an der in Parmigianinos Entwurf die Halbrundnische endete. Schiavone hat gegenüber der Vorlage verschiedene kleinere Veränderungen vorgenommen und hinter der Göttin einen wehenden Umhang eingefügt, um ihr das Statuenhafte zu nehmen und der Bewegung mehr Lebendigkeit zu verleihen. Im Pushkin Museum in Moskau hat sich ein lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnung auf cremefarben präpariertem Papier erhalten (Dell’Antonio 2010, Kat. 22, fig. 22; https://permalink.obvsg.at/alb/AC17011922§), mit der Schiavone gegenseitig die Darstellung vorbereitet hat. Sie entspricht schon nahezu der Radierung, doch ist die Pose mit dem weniger vorgestreckten Spielbein mehr der Kontraposthaltung der Figur auf Parmigianinos Entwürfen verpflichtet. Es ist interessant zu sehen, dass Schiavone trotz der Verfügbarkeit von Zeichnungen Parmigianinos immer wieder Studien für seine Radierungen anfertigte, in denen er die Ideen des anderen Künstlers gemäß den eigenen Vorstellungen modifizierte. Man hat die Vermutung geäußert, dass Parmigianino die in den beiden Radierungen von Schiavone überlieferten Kriegsgöttinnen für eine Fassadendekoration entworfen haben könnte. In der Tat legen verschiedene Zeichnungen nahe, dass sich Parmigianino wie Baldassare Peruzzi, Polidoro da Caravaggio und Maturino und Perino del Vaga auf dem Gebiet der Fassadendekoration all‘antica hervorzutun beabsichtigte, die in Rom in den 1520er-Jahren in großer Mode war (Gnann 2007, S. 120f. https://permalink.obvsg.at/alb/AC06712859§). Wahrscheinlich wurden seine Fassadenprojekte aber niemals realisiert, da sich in zeitgenössischen Beschreibungen keine Hinweise dafür finden. A. E. Popham (https://search.onb.ac.at/permalink/f/sb7jht/ONB_alma71261613450003338§) hält es zudem für möglich, dass die Nischenfigur gar nicht von Parmigianino selbst stammt, sondern er sie von der Fassadendekoration eines anderen Künstlers kopiert hat. Wie C. Callegari (https://www.academia.edu/21467252/Andrea_Schiavone_e_lincisione_dal_pregiudizio_alla_modernit%C3%A0_in_Splendori_del_Rinascimento_a_Venezia_Schiavone_tra_Parmigianino_Tintoretto_e_Tiziano_catalogo_della_mostra_a_cura_di_E_M_Dal_Pozzolo_e_L_Puppi_Venezia_2015_pp_103_110§) festgestellt hat, sind fünf Zustände der Radierung bekannt. Die wesentlichsten Unterschiede seien im Folgenden kurz benannt: Gegenüber dem ersten Zustand (Exemplar New York, Metropolitan Museum, folio 41 bottom left; https://www.metmuseum.org/art/collection/search/365154§), in dem der Wandstreifen auf der linken Seite hell belassen ist, ist dieser im zweiten Zustand (Exemplar British Museum, Inv. 1859,0806.613; https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1859-0806-613§) mit einer Bänderung versehen. Außerdem ist am rechten Rand ein Schatten eingefügt. Im dritten Zustand (Exemplar New York, Metropolitan Museum, folio 41 bottom right; https://www.metmuseum.org/art/collection/search/365155§) hat Schiavone die linke Hüfte und das linke Bein der Minerva mit zusätzlichen Schraffuren versehen. In dem hier ausgestellten vierten Zustand der Albertina ist der Wandstreifen links gänzlich mit horizontalen Linien schraffiert; die Streifen des Rockes sind über dem Oberschenkel verbunden, und Minerva trägt nun eine Sandale. Im fünften Zustand (Exemplar Rotterdam, Museum Boymans van Beuningen, BdH 23567; https://www.boijmans.nl/en/collection/artworks/37158/print§) finden sich zusätzliche Schraffuren am Hals und am Umhang links vom Gesicht, in dem Schattenstreifen am rechten Rand und links vom rechten Knie der Göttin. Spätestens ab dem vierten Zustand macht sich ein Bruch der Platte auf der rechten Seite bemerkbar. Dieser Riss kehrt bei der zuvor besprochenen Radierung an anderer Stelle identisch wieder, was beweist, dass Schiavone für beide Darstellungen die zwei Seiten ein und derselben Platte verwendet und dabei um 180° gedreht hat.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 35, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
