Hasenjäger zu Pferd
Niccolò Boldrini
1566
Die beiden Clair-obscur-Holzschnitte (siehe auch Albertina Inv. DG2002/327) mit einem kleinen Hirtenknaben, der mit einem Zweig einen stehenden jungen Stier zum Weitergehen antreibt, sowie einem jungen Bauern zu Pferde, der einen an einem Ast befestigten erlegten Hasen mit sich führt, sind zweifellos als Pendants aufzufassen. Zu der Reihe gehört ferner ein Holzschnitt mit einer Bäuerin mit Kind (Washington, Dallas und Detroit 1976– 1977, Nr. 77), die auf ihrem Pferd, ebenfalls aus einer freien Landschaft kommend, in einen Wald hineinreitet. Das letztere Blatt ist aber nur als reiner Linienschnitt ohne ergänzende Tonplatte bekannt. Das Datum 1566 auf dem Holzschnitt des reitenden Hasenjägers setzt auch die Entstehungszeit dieser genreartigen Darstellungen aus dem Landleben fest. Die Zuschreibung von A. Bartsch, dem zufolge die beiden Clair-obscurs von der Hand Niccolò Boldrinis stammen könnten, wurde in der Folgezeit nicht mehr bezweifelt. In der Tat ist der Stil der gleiche wie bei der 1566 datierten Venus und Amor (Albertina Inv. DG2002/331) und dem Sprengenden Reiter (Albertina Inv. DG2002/351), bei dem man vor allem auf die ähnliche Gestaltung der Wolkenformationen hingewiesen hat. In den beiden kleinen Genreszenen aus dem bäuerlichen Leben vermag Boldrini die Meisterschaft seiner Holzschnitttechnik in vollem Maße zu entfalten. Die Linien sind von großer Feinheit und Abwechslungsreichtum, variieren zwischen kurzen und langen gerundeten Strichen, Kringeln und Kreuzlagen, wobei sie ein fließendes Gefüge bilden und alle Details zu einer geschlossenen Einheit verbinden. Der lockere Linienverlauf macht in besonderer Weise den freien Duktus, sogar das Skizzenhafte einer Federzeichnung nachvollziehbar. Die Lichthöhungen sind bei den Figuren und Tieren mehr graphisch-linear gehalten, während sie im Himmelsbereich und in der Landschaft langgezogene Lichtbahnen bilden, ähnlich wie bei Venus und Amor (Inv. DG2002/351). Boldrini verwendet die zusätzliche Farbe der Tonplatte nicht dazu, einzelne Details herauszuarbeiten oder deren räumliche Lage zu klären, sondern um die gesamte Szene mit einem stimmungsvollen Helldunkel zu erfüllen. In dieser Weise hat dies vor ihm kein anderer Formschneider erreicht. Beide Blätter existieren auch in Abzügen nur von der Strichplatte, doch befriedigt ihre Wirkung ohne zusätzliche Tonplatte nicht wirklich. Die Geschöpfe werden erst durch die Farbe vollkommen ins Atmosphärische eingebettet, sind eins mit der ländlichen Umgebung, ihrem Lebensraum. A. Bartsch zufolge könnte die Zeichnung beider Kompositionen auf Tizian zurückgehen, eine Zuschreibung, die sich auf eine Tradition stützen kann, die sich bis ins 17. Jahrhundert nachverfolgen lässt. Die beiden Tietzes (1938, S. 67) haben auf die Nähe zu den Landschaftsgründen in frühen Zeichnungen Tizians verwiesen, bemängelten an den Darstellungen aber »die Bescheidung ins rein Genrehafte ohne Spur pathetischen Lebensgefühls, mit dem Tizian auch die untergeordnete Naturstaffage beseelt«. P. Dreyer (Berlin 1971) wies schließlich darauf hin, dass das Pferd des Hasenjägers seitenverkehrt den 1506 datierten Holzschnitt von Lucas Cranach mit dem reitenden Paar (Geisberg 1930, Nr. 626) wiederholt. So hat sich in der neueren Forschung die Ansicht von D. Rosand und M. Muraro (Washington, Dallas und Detroit 1976–1977) durchgesetzt, der zufolge Boldrini selbst die Kompositionen entworfen und sich dabei Ideen aus Werken Tizians bedient habe. Ohne Kenntnis der Vorlagen ist eine Beurteilung äußerst schwierig, zumal ihre Wirkung durch die Umsetzung in den Holzschnitt vielleicht verfälscht wurde. Tizian hat sich häufig mit der ländlich- genrehaften Thematik befasst, und so ist sein Anteil an der Erfindung der beiden Blätter vielleicht doch größer, zumal sie durch die einfallsreichen Motive und deren harmonische Einfügung in die Umgebung ein eindrucksvolles, künstlerisch durchdachtes Aussehen erhalten. Von den beiden populären Clair-obscur-Holzschnitten könnte auch ein Einfluss auf die vier kleinen Landschaften von Hendrick Goltzius (Wien 2013, Sammlung Baselitz, Kat. 170–173) ausgegangen sein.
Literatur: Kristeller 1910, S. 242; Servolini 1932, S. 83f.; Tietze und Tietze-Conrat 1938a, S. 67; Weimar 1957, Nr. 37; Berlin 1971, Nr. 27; Washington, Dallas und Detroit 1976–1977, Nr. 76A; Karpinski 1983, S. 258; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 26 (Text v. D. Graf); Tokio 2005, Nr. 40
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