Figurenstudien
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1524-1526
Wickhoff wollte in der Studie nur die Art des Parmigianino erkennen. Benesch schrieb sie dem Künstler selbst zu, der auf dem Blatt zwei nach rechts schreitende junge Frauen und unterhalb mehrere vom Blattrand überschnittene Figuren gezeichnet hat, die durch ihre Blicke und Gebärden nach unten deuten. Popham (1971) dachte dabei an Marien und einen bärtigen Heiligen für die Komposition einer "Grablegung Christi" und datierte die Studie in die Bologneser Periode. Nach Oberhuber (AK Albertina 1963) hat sie der Künstler in Rom gezeichnet. In den Zeichnungen der Bologneser Zeit (1527-1530) sind Parmiginainos Figuren bereits straffer und plastischer aufgefasst, das Bewusstsein für das eigene Körpergewicht ist größer und die Umrisse setzen die Formen stärker vom Umraum ab (vgl. z.B. Popham, Nr. 84, Taf. 180-182, Nr. 21, Taf. 218). Auf dem Studienblatt der Albertina ranken die Frauen dagegen gewächsartig empor und ihre schwerlosen wiegenden Bewegungen gleiten weich ineinander. Die Konturen werden von den dünnen langgezogenen Schraffuren, die sich netzartig über die gesamte Komposition legen, eingeflochten. An keiner Stelle setzen die Federlinien zu kräftigeren Rundungen an, um die Glieder plastisch hervortreten zu lassen oder die einzelne Gestalt aus dem Zusammenhang zu lösen. Im Stil ist das Blatt engstens mit Parmiganinos Federstudien in London und in Paris für die beiden Radierungen der "Grablegung Christi" von 1524-1525 (Inv. DG2003/3029) verwandt, in denen dieselben blassen Gesichter mit schmalen spitzen Nasen und die Frauen mit ähnlichen haubenartigen Kopfbedeckungen wiederkehren (Popham 1971, Nr. 466, Taf. 161, Nr. 201, Pl. 166). Die Studien dürften daher in direktem Zusammenhang mit den Entwürfen für die Grablegung Christi entstanden sein. Den Stil von Zeichnungen dieser Art hat #Polidoro da Caldara bei seinem Entwurf für eine weibliche Nischenfigur mit Vase in der Albertina aufgegriffen (Inv. 257).
Nach Oberhuber (AK Albertina 1963) ist die Zeichnung in grauer Tusche wohl eine spätere Zutat von anderer Hand.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 253, S. 245.
