Selbstbildnis
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1526-1527
Darstellung: 10,3 x 11,7 cm
Die berühmte Zeichnung diente als Vorlage für den seitenverkehrten Holzschnitt mit dem Selbstporträt des Künstlers in der Ausgabe der Viten #Vasaris von 1568. Die aufwendige dekorative Umrahmung stammt laut K. Oberhuber (in: Koschatzky/Oberhuber/Knab 1971, Nr. 53) allerdings nicht von Vasari selbst, der möglicherweise das Blatt besaß, sondern von einem Künstler seines Kreises. #Hendrick van der Borcht hat die Zeichnung 1642 radiert, als sie sich in der Sammlung des #Grafen von Arundel befand (AK Albertina 1963, Nr. 3). Das laut A. E. Popham (1971 Nr. 600, Taf. 430) mit Hilfe zweier Spiegeln angefertigte Profilporträt mit seiner gerundeten Stirnpartie, den unter scharf gezogenen Brauen wach blickenden Augen und der markant geschwungenen schmalen Nase bringt wundervoll den sensiblen, durchgeistigten, introvertierten und vermutlich leicht erregbaren Charakter des Künstler zum Ausdruck. Sein gepflegtes Aussehen unterscheidet sich von einem anderen Selbstbildnis in Chatsworth, das gegen Mitte der dreißiger Jahre entstanden sein muss, da auf der Rückseite eine Studie von 1534/35 zur "Madonna dal collo lungo" erscheint (Popham 1971, Nr. 719, Taf. 343, Taf. 357). Der Künstler hat sich dort in Vorderansicht porträtiert und wirkt durch die breiteren Gesichtszüge, die zotteligen Haare und den langen Bart stärker vom Leben gezeichnet und älter. Zudem unterscheiden sich die lebendig fließenden Linien, die sich untereinander verflechten und das Gesicht mit einem zarten Sfumato umhüllen von den nadelartig feinen, häufig absetzenden und sehr kontrollierten Federstrichen des Albertina-Blattes. Dort treten auch die kleinsten Details mit Schärfe hervor, und die Position des Kopfes ist höchst präzise festgelegt. Man fühlt sich an die Technik eines Stichs erinnert, und vielleicht war das Blatt für eine Radierung oder eine Illustration bestimmt. In der Regelmäßigkeit der Ausführung lassen sich Bezüge zu den Kopfstudien auf der berühmten "Zeichnung mit der toten Maus" in Parma (Galleria Nazionale) vom Ende der römischen Periode oder zu einem Blatt mit "Venus und Amor" in Budapest aus der Bologneser Zeit feststellen (Popham 1971, Nr. 24, Taf. 278). Es wäre somit denkbar, dass das Selbstbildnis in der Albertina einige Jahre vor dem in Chatsworth von 1535 entstanden ist.
Eine große, in verschiedenen Kreiden ausgeführte Porträtzeichnung, die mit dem Albertina-Blatt nahezu übereinstimmt, befand sich in der Sammlung des #Dominique-Vivant Denon, wo sie #Valentin für die "Monuments Denon" gegenseitig lithographiert hat (Denon, Bd. 3, 1829,Taf. 156).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 56, S. 150.
